"Obdachlose finden das Spiel witzig" PDF Drucken

ie sind erst 20 Jahre alt, aber zeichnen für das erfolgreichste Onlinespiel Deutschlands verantwortlich: Marius Follert (links) und Niels Wildung haben das Pennergame erfunden. Fotos: Farbflut Entertainment/Montage: IsbernerMarius Follert und Niels Wildung haben das Onlinespiel Pennergame erfunden

Ein Leben in der Gosse wünscht sich natürlich niemand. Aber mal einen Penner zu spielen – das liegt gerade voll im Trend. Verantwortlich dafür ist das Onlinespiel Pennergame. In dieser virtuellen Gosse geht es darum, sich vom armen, obdachlosen Schlucker zum Millionär hochzuarbeiten.

Wie das geht? Indem man sich eine zweite Identität als Penner zulegt, Flaschen sammelt und das Pfand dafür einstreicht! Mit dem Geld kann man seinen Penner aufbessern: ein Haustier kaufen (von der Kakerlake bis zum Elefant), Instrumente erstehen, sich weiterbilden oder sich einen lukrativeren Schnorrplatz sichern. Das alles hat nur ein Ziel: Am Ende will der Penner in einem Schloss residieren.

In der heutigen Version gibt es das Pennergame seit Juni 2008. Es hat sich zu Deutschlands größtem und beliebtestem Onlinespiel entwickelt. Aktuell sind mehr als 1,7 Millionen Deutsche registriert, die Internetseite verzeichnet zwei Milliarden Page Impressions im Monat.
Inzwischen stehen Penner-Accounts sogar bei Ebay zum Verkauf. Einen Top-20-Penner kann man für derzeit schlappe 56 Euro ersteigern. Allerdings gibt es auch Kritiker: Eine Hamburger SPD-Abgeordnete hat ein Verbot des Spiels gefordert – weil es die Würde obdachloser Menschen verletze.

Für diesen ganzen Hype verantwortlich sind Marius Follert und Niels Wildung. Die beiden 20-Jährigen haben das Pennergame vor drei Jahren erfunden und sind Geschäftsführer der Farbflut Entertainment GmbH, die das Pennergame betreibt. Seit ihrer Kindheit sind sie befreundet. In diesem Interview ziehen sie Bilanz.

Habt ihr euch schon mal ernsthaft mit einem Penner unterhalten?


Marius Follert: Auf dem Kiez gibt es mehrere Kneipenkioske, wo wir Gespräche mit Obdachlosen geführt haben. Nicht über das Spiel, wir haben uns einfach mit denen unterhalten. Manches aus diesen Gesprächen ist auch ins Spiel eingeflossen, natürlich überspitzt dargestellt.

Seht ihr Obdachlose heute mit anderen Augen als vor der Entwicklung des Pennergames?


Niels Wildung: Schon. Vor allen Dingen nachdem wir mit einigen Obdachlosen des Hamburger Straßenmagazin Hinz & Kunzt geredet haben. Die haben Eindruck hinterlassen. Die spielen selber und fanden es witzig.

Marius: Es ist bewundernswert, wie die ihr Leben meistern und den Lebensmut nicht verlieren. Und sie haben uns Ideen für das Spiel gegeben. Sie schlugen zum Beispiel vor, dass man Tickets kaufen oder erschnorren könnte, um von einem Stadtteil in den anderen zu gelangen.

Die Obdachlosen kamen ja sogar zu euch – obwohl die Herausgeberin von Hinz & Kunzt der Meinung war, das Spiel sei geschmacklos, beleidigend und verdränge die soziale Realität. Könnt ihr die Vorwürfe nachvollziehen?


Marius: Wenn man sich nur den Namen anschaut und auf die Startseite geht, klar. Man muss sich einfach ein bisschen reinarbeiten, dann merkt man, dass die Inhalte satirisch zu verstehen sind und es sich eben um ein Spiel handelt.

Ist es nicht falsch, Flaschensammeln als fröhlichen Volkssport darzustellen?

Marius: Nein. Es ist nun mal Tatsache, dass hier in Hamburg viele Menschen auf das Sammeln von Pfandflaschen angewiesen sind. In Berlin ist das nicht so, da gibt es andere Methoden, zum Beispiel das An- und Verkaufen von U-Bahn-Tickets.

Ihr spendet für Obdachloseneinrichtungen. Schlechtes Gewissen?

Marius: Das wird immer so hingestellt. Dabei wird aber nicht wahrgenommen, dass wir schon gespendet, als das Spiel an den Start ging. Diese Spendenaktionen wurden bestimmt nicht gestartet, um unser Image reinzuwaschen!

Wann habt ihr angefangen zu programmieren?

Niels: Mit 14.
Marius: Bei mir war es zu Anfang eher die graphische Schiene, ich hab früher viel 3D-Design gemacht und dann die Ausbildung zum Screendesigner angefangen. Irgendwann musste ich mich entscheiden: Mache ich die Ausbildung oder entwickel ich Spiele?

Deine Wandlung vom Ausbildungsabbrecher zum Gutverdiener ging dann aber ziemlich schnell.

Marius: Als das Spiel noch im Aufbau war, bekamen wir bereits gesagt, dass es Potenzial hat. Das konnten wir erst gar nicht glauben! Wir waren damals 17 und haben nur ein bisschen rumprobiert. Als wir dann die ersten 10000 User hatten, dachten wir: Da geht vielleicht wirklich was.

Und dann?

Marius: Wir haben entschieden, die Sache groß aufzuziehen. Dazu gründeten wir eine GbR und sind in eine uralte Dachgeschosswohnung in Altona gezogen, grau und ziemlich schlimm. Gewohnt haben wir bei unseren Eltern.

Hat sich die Wirtschaftskrise bemerkbar gemacht?

Marius: Klar. Bei uns spiegelte sich das am Verhalten der Werbekunden wieder, aber wir lassen uns davon nicht beeinflussen. Wir wollen weiter wachsen. Dazu brauchen wir mehr Leute und müssen investieren.

Welche Investitionen stehen an?

Marius: In naher Zukunft planen wir, das Pennergame weiter im Ausland zu verbreiten. Polen und Großbritannien sind gerade angelaufen, dann kommen Frankreich, Spanien, Türkei, Russland. Danach heißt das Motto: Auf zu neuen Spielen.

Worauf müsst ihr besonders achten, wenn ihr das Spiel im Ausland auf den Markt bringen?


Marius: Es ist sehr wichtig, dass wir Locals in die Planung einbinden. Wir brauchen Muttersprachler und Leute, die sich in den Städten auskennen und wissen, was dort abgeht.

Ist der US-Markt ein Ziell?

Marius:  Das wird ganz schwer. Die Amerikaner sind sehr auf Konsolen fixiert, spielen sehr viel mehr Playstation oder X-Box. Es wäre natürlich interessant, wir sind uns aber sehr unsicher, wie das Spiel da ankommen würde. Indien ist noch ein sehr interessanter Markt. Da sind Browserspiele sehr beliebt. Wir stehen dort mit Firmen in Kontakt, die uns berichten, wie sich der Markt entwickelt.

Worauf können sich die Penner von morgen freuen?

Marius: Sollen wir den Marktplatz schon verraten? Erzähl’ du!

Niels: Wir haben eine lange Liste mit vielen Kleinigkeiten und einigen größeren Sachen. Was wir davon wirklich umsetzen, wissen wir noch nicht.

Interview: BASTIAN HENRICHS

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