Runter mit dem Kragen vom Polohemd ! PDF Drucken

Diese Typ hat zum Gleück gar kein Poloshirt an. Foto: colourboxIn der virtuellen Welt des StudiVZ gibt es für und gegen so gut wie alles eine Gruppe

Drei Dinge muss Student von heute irgendwann mal gemacht haben: eine WG-Party schmeißen, eine Klausur leer abgeben – und eine StudiVZ-Gruppe gründen. Denn davon gibt es jede Menge.

 

 

Drei  Dinge muss Student von heute irgendwann mal gemacht haben: eine WG-Party schmeißen, eine Klausur leer abgeben – und eine StudiVZ-Gruppe gründen.

Letzteres hat Magdalena Graf eher aus Verzweiflung getan. Als sie das Chemie-Studium nach Gießen verschlug, prallten da mittelfränkische und hessische Kultur aufeinander, wie sie verrät: „Ich hatte im 1. Semester eine Grundvorlesung in Chemie und da fiel mir auf, dass ich fast die einzige war, die Chemie mit K aussprach, von den paar anderen Bayern einmal abgesehen.“

Heraus kam die Gruppe „Wer SCHemie sagt, muss auch SCHlor sagen“. Inzwischen hat sie mehr als 17500 Mitglieder. Mit so viel Erfolg hat Magdalena nicht gerechnet – und mit den hitzig geführten Diskussionen schon gar nicht: „Es melden sich sowohl Gegner als auch Befürworter meiner These an, und argumentiert wird mit dem Duden oder dem Fremdwörterbuch.“

Magdalena ist eine von vielen VZlern, die aus einem Ärgernis eine Gruppe machen. Manch ellenlange Mitgliederliste mutet deshalb auch an wie eine Zitate-Sammlung oder eine spirituelle Folge von Mantren. „Ruhe-Stille-innere Einkehr“ oder „Traum-Zeit-Harmonie“ werden parodiert vom kulinarischen Kriseninterventionsteam namens „Entspann dich und mach Soße drauf!!“

Neben viel Witz schlägt in zahlreichen Gruppennamen die Botschaft durch, das Leben nicht allzu ernst zu nehmen. Stattdessen sollen die eigenen Schwächen und Marotten wenn schon nicht gesellschafts-, dann doch wenigstens bekenntnisfähig werden: Hier kann man den eigenen Hang zur Streuordnung eingestehen („Aufräumen kann jeder – das Genie überblickt das Chaos“), die eigenen Wege zum Erfolg offenbaren („Sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit“) oder auch moralische Schwächen zugeben („Ich hab’s mir ausgedacht, das hat mit Lügen nichts zu tun.“) Und geteiltes Leid ist ja bekanntlich halbes Leid.

Explizit ernst dagegen treten da politische Gruppen auf. Mehrere Hundert machen sich beispielsweise für Demokratie im Iran stark. Dennoch werden sie allein ihre Mission wohl nicht erreichen, anders als die Mobilitätsgruppen: Ob nun weitere Bahnmitfahrer auf ganz bestimmten Strecken oder Beifahrer im Auto gesucht werden – hier erfüllen die Gruppen ganz rationale Zwecke.

Sympathie-Punkte beim zukünftigen Chef zu sammeln – das geht als VZler auch. Vivien Uhlig hat festgestellt, dass sich immer mehr Personalchefs erst einmal die Profile ihrer Jobbewerber angucken: „Ich finde, dass mein Privatleben meinen Arbeitgeber nichts angeht und solange meine Arbeit gut ist alles, ist alles Weitere egal.“ Ihre Gruppe nannte sie „Zum Schluss grüße ich noch meinen zukünftigen Arbeitgeber“.

Liest man Profile mit Hunderten von Mitgliedschaften, fällt es schwer zu glauben, dass der jeweilige Nutzer in jedem dieser Foren aktiv ist. Aber darum geht es auch nicht immer. Vielmehr um zu zeigen: Ja, so bin ich auch. Oder: Das hab ich auch schon mal erlebt. Schließlich sind die Gruppen-Gründer oft gezwungen, nervige Alltagssituationen in die gebotene Kürze zu zwängen, wie etwa „warte mal....vielleicht schaffen wir es auch ohne aufzustehen“ oder „Wie ich auszog die Welt zu retten und mit Zigaretten zurückkam“.

Der Mainzer Persönlichkeitspsychologe Matthias Beck vermutet dahinter eine veränderte Gesellschaft: „Früher war es so, dass man einfach seine Meinung sagte, um seine Meinung gesagt zu haben. Heute muss man Aufkleber am Auto und Sprüche und Logos auf dem T-Shirt haben. Die Gruppen sind da virtuelle Identifikationsmöglichkeiten.“

Das wuchernde Gruppenwachstum führt sogar so weit, dass sie inzwischen zur Projektionsfläche des „Kulturkampfes im Kleinen“ geworden sind. So gibt es beispielsweise die Gruppe „Klapp den Kragen vom Polohemd runter, du Spast!“. Ob nun aus plötzlich akut gewordener Relevanz oder Kränkung des persönlichen Kleidungsideals – schon wenig später gründete sich die Opposition, vereinigt in der Gruppe „Polo-Hemdenträger stellen den Kragen hoch!!!“.

Und auch hier gibt es laut Matthias Beck eine bezeichnende Parallele zur gesamten Gesellschaft: „Wir müssen unsere Demos heute nicht mehr auf der Straße durchführen, sondern können das im Netz tun. Deshalb gibt es ja auch so große Aufmerksamkeit, wenn Studenten beim Bildungsstreik mal wirklich in die Welt hinausgehen.“

PETRA SCHLIERF

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