Fitness und Naturschutz auf der Insel PDF Drucken

Das ist der Job einer Naruschutzwartin auf der Insel Mellum: Vögel beobachten und zählen. Foto: Judith Kronberg Jeder Liter Wasser wird per Hand aus einer Zisterne gepumpt

Nach dem Studium wollte die Erlanger Geographin Judith Kronberg nicht direkt am Schreibtisch landen. Sie entschied sich, mit zwei Kolleginnen drei Monate lang als Naturschutzwartin auf der Insel Mellum im norddeutschen Wattenmeer zu arbeiten. Hier schildert sie einen typischen Tag:
2 Uhr nachts. Die Blase drückt, Einschlafen ist nicht mehr möglich. Wohl oder übel quäle ich mich aus dem warmen Schlafsack. Ich tappe schlaftrunken die schmale Stiege herunter — möglichst ohne hinzufallen und die anderen beiden Naturschutzwartinnen, Laura und Felicitas, zu wecken. Der Wind heult, das vom Tau nasse Gras durchtränkt meine Schlafanzughose. Bevor ich auf die letzten Meter zum Plumpsklo – in einem ehemaligen Munitionsbunker aus dem 2. Weltkrieg – einbiege, nimmt meine Nase schon dessen unverkennbaren Geruch wahr.
 

7.30 Uhr. Schrill reißt uns der Wecker aus dem Schlaf. Wir greifen nach dem Fernglas, um noch vor dem Frühstück einen Blick hindurch zu werfen: Viele Singvögel sind am besten in den frühen Morgenstunden zu beobachten.
 

9 Uhr. Der Magen knurrt, die ersten Vogelbeobachtungen liegen hinter uns. Heute konnten wir nicht viele Singvögel entdecken. Das lag wohl daran, dass ein Turmfalke seine Runden drehte. Die Rauchschwalben haben ihn mutig vertrieben, die anderen Singvögel hielten sich versteckt.
Nun ist es Zeit zum Duschen und Frühstücken, doch vorher heißt es pumpen. Das Brauchwasser zum Waschen liefert eine Zisterne, in der Regenwasser vom Dach gespeichert wird. Dieses wird mittels einer Pumpe zu Tage gefördert. Das bedeutet schon vor dem Frühstück: Armmuskeltraining. Vor Gebrauch kochen wir das Wasser noch ab, weil sich auch die Schwalben gerne auf dem Dach aufhalten und in die Regenrinne erleichtern. Bis geduscht werden kann, dauert es eine Weile. Das Wasser im Zehn-Liter -Kessel benötigt eine dreiviertel Stunde zum Aufkochen.
So stärken wir uns zunächst, denn der Tag wird noch anstrengend. Brot haben wir gestern gebacken, frisches Obst liefern uns ein paar Bäume – ebenfalls Relikte aus dem 2. Weltkrieg sind, als einige Dutzend Soldaten auf Mellum stationiert waren. Und für das Teewasser heißt es wieder: pumpen.
 

9.45 Uhr. Das Frühstück ist beendet, endlich kann geduscht werden – mit Eimer und Schöpfbecher. Zu sehen, dass 12 Liter Wasser zum Duschen und Haarewaschen völlig ausreichen können, gibt einem schon zu denken, wenn man ans Duschen zuhause denkt.
 

11.30 Uhr. Heute ist Springtide. Das bedeutet, dass Sonne, Mond und Erde in einer Linie stehen und sich die Anziehungskräfte von Sonne und Mond auf die Erde addieren. Dieses Phänomen geschieht alle zwei Wochen bei Voll- und Neumond und führt dazu, dass die Flut besonders hoch aufläuft. Wir nutzen das Hochwasser, um Tausende von Wat- und Wasservögeln zu zählen. Darunter sind viele Limikolen, was so viel wie „Grenzgänger“ bedeutet: Sie bewegen sich an der Grenze zwischen Land und Meer, um ihre Nahrung, zum Beispiel Muscheln, aus dem Wattboden zu stochern. Bei Hochwasser werden die Vögel besonders nah an den Strand gedrängt und sind daher für uns am einfachsten zu zählen. So begeben wir uns auf die Inselumrundung von zehn Kilometern, bei der wir alle Vögel zählen. So trainieren wir auch die Beinmuskulatur.
 

14.58 Uhr. Höchster Wasserstand. Vögel fliegen vor uns, hinter uns, über uns, um uns. Das Wattenmeer ist Drehscheibe des Vogelzuges, weil sich viele Arten hier noch einmal satt fressen, bevor sie den langen Zug gen Süden antreten. Wir zählen viele Tausend Vögel, darunter seltene Arten wie die Pfuhlschnepfe und die Flussseeschwalbe.
 

17.30 Uhr. Erschöpft, hungrig, aber zufrieden von unserer  Zählung erreichen wir das Stationshaus. Um wieder zu Kräften zu kommen, bereiten wir eine Gemüse-Lasagne zu. Laura holt noch frische Strauchtomaten.
 

19 Uhr. Das Essen ist beendet, doch Feierabend bedeutet das für uns noch nicht: Die Eingabe der Ergebnisse der heutigen Zählung steht noch bevor. Die Wat- und Wasservogelzählungen erfolgen an der gesamten Wattenmeerküste gleichzeitig, es geht um größte Genauigkeit und Sorgfalt.
 

19.30 Uhr. Geschafft. Die Computerarbeit ist beendet, nun haben wir noch ein wenig Freizeit. Langsam ziehen wir uns in unsere Zimmer zurück, um noch Zeit zum Lesen oder Briefe schreiben zu haben, bevor wir erschöpft in unsere Betten fallen. Auch morgen werden wir nicht ausschlafen, denn die Vögel sind früh wach.
Aber wir werden zwei Handkarren zur Wasserkante ziehen: Das Verpflegungsschiff kommt! Alle zwei Wochen werden wir mit Essen und Post versorgt, die wir im Karren 1,7 Kilometer durch das Watt zur Insel ziehen. Die Karren sind schwer, biegen sich unter dem Gewicht unserer Vorräte. Wir schnaufen, fluchen und beginnen schließlich doch, darüber zu lachen.
Wir überlegen, ob das dritte Kilo Mehl wirklich nötig gewesen wäre, oder ob wir aus Gewichtsgründen besser keinen Kuchen mehr eingeplant hätten. Aber ein bisschen Luxus möchten wir doch haben, auf dem kleinen Eiland ohne Fernseher, Kneipe, warmer Dusche oder Festnetztelefon.
 

Einige ehemalige Naturschutzwarte haben gesagt, die Zeit auf Mellum sei die schönste in ihrem Leben gewesen. Wenn ich auf dem Deich stehe, der Wind meine Haare durchwühlt und ich einen seltenen Vogel sehe, kann ich mir gut vorstellen, mich dieser Aussage bald anzuschließen.
 

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