| Fitness und Naturschutz auf der Insel |
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Nach dem Studium wollte die Erlanger Geographin Judith Kronberg nicht direkt am Schreibtisch landen. Sie entschied sich, mit zwei Kolleginnen drei Monate lang als Naturschutzwartin auf der Insel Mellum im norddeutschen Wattenmeer zu arbeiten. Hier schildert sie einen typischen Tag:
7.30 Uhr. Schrill reißt uns der Wecker aus dem Schlaf. Wir greifen nach dem Fernglas, um noch vor dem Frühstück einen Blick hindurch zu werfen: Viele Singvögel sind am besten in den frühen Morgenstunden zu beobachten. 9 Uhr. Der Magen knurrt, die ersten Vogelbeobachtungen liegen hinter uns. Heute konnten wir nicht viele Singvögel entdecken. Das lag wohl daran, dass ein Turmfalke seine Runden drehte. Die Rauchschwalben haben ihn mutig vertrieben, die anderen Singvögel hielten sich versteckt. 9.45 Uhr. Das Frühstück ist beendet, endlich kann geduscht werden – mit Eimer und Schöpfbecher. Zu sehen, dass 12 Liter Wasser zum Duschen und Haarewaschen völlig ausreichen können, gibt einem schon zu denken, wenn man ans Duschen zuhause denkt. 11.30 Uhr. Heute ist Springtide. Das bedeutet, dass Sonne, Mond und Erde in einer Linie stehen und sich die Anziehungskräfte von Sonne und Mond auf die Erde addieren. Dieses Phänomen geschieht alle zwei Wochen bei Voll- und Neumond und führt dazu, dass die Flut besonders hoch aufläuft. Wir nutzen das Hochwasser, um Tausende von Wat- und Wasservögeln zu zählen. Darunter sind viele Limikolen, was so viel wie „Grenzgänger“ bedeutet: Sie bewegen sich an der Grenze zwischen Land und Meer, um ihre Nahrung, zum Beispiel Muscheln, aus dem Wattboden zu stochern. Bei Hochwasser werden die Vögel besonders nah an den Strand gedrängt und sind daher für uns am einfachsten zu zählen. So begeben wir uns auf die Inselumrundung von zehn Kilometern, bei der wir alle Vögel zählen. So trainieren wir auch die Beinmuskulatur. 14.58 Uhr. Höchster Wasserstand. Vögel fliegen vor uns, hinter uns, über uns, um uns. Das Wattenmeer ist Drehscheibe des Vogelzuges, weil sich viele Arten hier noch einmal satt fressen, bevor sie den langen Zug gen Süden antreten. Wir zählen viele Tausend Vögel, darunter seltene Arten wie die Pfuhlschnepfe und die Flussseeschwalbe. 17.30 Uhr. Erschöpft, hungrig, aber zufrieden von unserer Zählung erreichen wir das Stationshaus. Um wieder zu Kräften zu kommen, bereiten wir eine Gemüse-Lasagne zu. Laura holt noch frische Strauchtomaten. 19 Uhr. Das Essen ist beendet, doch Feierabend bedeutet das für uns noch nicht: Die Eingabe der Ergebnisse der heutigen Zählung steht noch bevor. Die Wat- und Wasservogelzählungen erfolgen an der gesamten Wattenmeerküste gleichzeitig, es geht um größte Genauigkeit und Sorgfalt. 19.30 Uhr. Geschafft. Die Computerarbeit ist beendet, nun haben wir noch ein wenig Freizeit. Langsam ziehen wir uns in unsere Zimmer zurück, um noch Zeit zum Lesen oder Briefe schreiben zu haben, bevor wir erschöpft in unsere Betten fallen. Auch morgen werden wir nicht ausschlafen, denn die Vögel sind früh wach. Einige ehemalige Naturschutzwarte haben gesagt, die Zeit auf Mellum sei die schönste in ihrem Leben gewesen. Wenn ich auf dem Deich stehe, der Wind meine Haare durchwühlt und ich einen seltenen Vogel sehe, kann ich mir gut vorstellen, mich dieser Aussage bald anzuschließen.
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