Johannas Albtraum in England PDF Drucken

Herzogenauracher Schülerin brach ihr Austauschjahr nach wenigen Monaten ab
 

Derzeit schicken wieder viele Schüler ihre Bewerbungen ab, um ein Schuljahr im Ausland zu verbringen. 15 000 deutsche Schüler wagen das pro Jahr. Viele sind begeistert. Manche aber auch tief enttäuscht. Eine Garantie, dass das Jahr in Neuseeland oder England zum besten eures Lebens wird, gibt es nicht. Das hat auch Johanna Weber zu spüren bekommen.
 
Johannas Tränen fließen. Dabei ist sie schon seit sieben Monaten wieder in Deutschland. Doch der Albtraum England belastet sie immer noch. Vor allem jetzt, da ihre Freundin aus Japan zurück ist und von einem super Jahr schwärmt. Johannas Jahr war gar nicht super. Es war nicht einmal ein Jahr. Denn die 19-Jährige brach den Aufenthalt in Brighton nach fünf Monaten ab. „Ich finde es bitter, dass es bei so vielen geklappt hat, nur bei mir nicht“, sagt sie enttäuscht.
 

Dabei war England erste Wahl für die Schülerin aus Herzogenaurach — obwohl es im Vergleich zu anderen Ländern ein teures Austauschziel ist. 14500 Euro verlangte der Veranstalter, der Johanna Webers (Name geändert) Aufenthalt organisierte. Sie opferte ihre Ausbildungsversicherung, um das zu bezahlen.
 

Die Vorbereitung lief überzeugend. „Es hat alles einen ernsthaften und professionellen Eindruck gemacht“, sagt Johannas Vater. Mit dem Kontakt zur Gastfamilie aber gab es Probleme. Erst wurde ihr eine falsche Familie genannt; dann schrieb ihr die richtige Gastfamilie, dass niemand daheim sei, wenn sie ankäme.
 

Der erste Eindruck bestätigte sich. Die Gastmutter hatte sich gerade von ihrem Mann getrennt und wollte nur ihre Ruhe. Johanna fühlte sich als Geldquelle, nicht als Familienmitglied. Das kleine Häuschen lag zwar am Strand, war aber schmutzig — und der Kühlschrank meist leer. Gemeinsame Unternehmungen gab es nicht. Johannas Hilfsangebote wurden abgeblockt. Sie durfte weder kochen noch die Kinder betreuen. Bei Gesprächen wurde sie nicht beachtet. „Bed and breakfast, mehr war das nicht“, fasst ihr Vater zusammen.
 

Am meisten Probleme bereitete der Schülerin aber der Ex-Mann der Gastmutter. Er kam täglich, wenn die Frau zur Arbeit gegangen war, spielte am Computer, bediente sich am spärlichen Essen und sprach keinen Ton. Abends verschwand er wieder. Seine Anwesenheit machte Johanna Angst.
 

Auch in der Schule fand Johanna kaum Anschluss. Der Unterricht dagegen begeisterte sie. „Der war viel besser als in Deutschland.“
Schon in den Herbstferien flog sie das erste Mal heim. Vor dem Rückflug nach England versteckte sie sich. Sie ließ sich von ihren Eltern überreden, es noch einmal zu versuchen. Doch in den Weihnachtsferien kam sie wieder heim. Und Ende Januar gab sie auf.
 

Johanna ist kein Einzelfall. Im Internet findet ihr viele Erlebnisberichte von enttäuschten Schülern. Austausschüler wagen eben ein Abenteuer — ohne Garantie, dass es gut ausgeht.
Nicht immer liegt es an den Gastfamilien, wenn Schüler nicht klarkommen. Manche sind von dem langen Aufenthalt ohne Eltern und Freunde in einem fremden Land mit einer fremden Sprache einfach überfordert. Manche hegen falsche Erwartungen. Manche unterschätzen, dass es in anderen Ländern nicht so sauber und organisiert zugeht wie in Deutschland. Und dass es immer eine Portion Heimweh auszuhalten gilt.
 

„Das Überwinden von Problemen gehört zum Lernprozess solcher Aufenthalte dazu“, sagt Regina Schmieg vom europäischen Jugendinformationsnetzwerk Eurodesk. Gerade dieses Durchbeissen-Müssen ist ein Grund dafür, dass Arbeitgeber bei Bewerbungen das Jahr in einer ausländischen Schule honorieren.
 

Die beste Zeit dafür ist die 10. Klasse. Um von der deutschen Schule beurlaubt zu werden, muss man belegen, dass man im Ausland regelmäßig in die Schule geht und gut betreut wird. Ein Gymnasiast kann nach seiner Rückkehr auf Probe gleich in die 11. gehen, muss den verpassten Stoff aber schnell nachholen. Er kann auch die 10. freiwillig wiederholen.
 

Wer erst in der 11. Klasse ein Jahr ins Ausland geht, muss sie im G8 auf jeden Fall wiederholen, weil er alle vier Ausbildungsabschnitte der Qualifizierungsstufe zwingend in Deutschland absolvieren muss. Berufsschülern wird das freiwillige Wiederholen empfohlen. Fachoberschüler müssen wiederholen, wenn die fachpraktische Ausbildung ausgefallen ist.
 

Für Johanna Weber sind diese Empfehlungen hinfällig; der Frust sitzt tief. Aus England schickte sie fast täglich traurige Mails nach Hause, rief weinend an. „Es war richtiger Psychoterror“, sagt ihre Mutter. „Ich hatte Angst, dass ich ein psychisch krankes Kind zurückbekomme.“ Als Johanna Ende Januar heimkam, war nicht nur der Traum geplatzt, sondern auch das Geld verloren. Zurück bekam sie nur 1800 Euro.
 

Die Vertreterin der Organisation, die Johanna betreute, nimmt den Fall ernst. Sie glaubt aber, dass Johannas Austauschjahr vor allem an Heimweh gescheitert ist. „90 Prozent der Schüler haben mal Heimweh“, sagt sie, „aber hier war es offensichtlich besonders stark“. Die Schülerin habe eine 24-Stunden-Betreuung erwartet. „Das können wir nicht leisten.“
England-Fan ist Johanna trotz allem geblieben. „Das Land ist total toll. Und Brighton ist eine tolle Stadt. Ich würde sofort wieder hinfliegen. Aber unter anderen Bedingungen.“

 

Und hier noch ein paar Tipps:

Als Austauschschüler seid ihr begehrte Kunden. Mehr als 80 Organisationen buhlen um eure Gunst und euer Geld. Der Wettbewerb ist hart, flotte Werbesprüche setzen das Gastschuljahr fast mit einem Luxusurlaub gleich. Dabei gibt es bei den Anbietern erhebliche Qualitätsunterschiede.
 

Es gibt zwei grundsätzliche Formen von Anbietern: gemeinnützige Organisationen und kommerzielle Organisationen. Dabei sind die einen nicht automatisch günstiger als die anderen. Der Preis des Aufenthalts richtet sich nach An- und Abreisekosten und den Kosten, die im Gastland anfallen, etwa Schulgeld oder Honorar der Gasteltern. Aus dem Grund ist der Aufenthalt in den USA verhältnismäßig günstig: Die staatlichen Schulen kosten wenig und es gibt ausschließlich ehrenamtliche Gasteltern.
 

Die deutschen Organisationen arbeiten mit Partnerorganisationen im jeweiligen Land zusammen. Diese Partner verantworten die Geldausgaben. Bei einem vorzeitigen Abbruch des Aufenthalts zahlt die deutsche Organisation nur das aus, was sie von ihrem Partner zurückbekommt. Der wiederum zahlt nur das aus, was er von der Schule oder den Gasteltern zurückbekommt. Ob das alles korrekt läuft, ist schwer nachprüfbar.
 

Beim Preisvergleich vor dem Buchen solltet ihr darauf achten, was noch dazukommt. Bei manchen Anbietern fehlt der Flug. Bei anderen gehen Versicherungen extra. Denkt außerdem daran, dass der Taschengeldverbrauch fast immer höher ist als vorher geplant. Oft erwarten Familien, dass der Austauschschüler bei Ausflügen manchmal für sie mitbezahlt.

Tipps für die richtige Auswahl einer Organisation gibt es zum Beispiel beim europäischen Jugendinformationsnetzwerk Eurodesk, das vom Bundesfamilienministerium mitfinanziert wird. Trotz Kritik an unprofessionellen Veranstaltern rät Regina Schmieg von Eurodesk „nicht allein, sondern mit Organisation“ ins Ausland zu gehen.

Folgende Fragen helfen bei der Wahl einer Organisation: Hat sie ihren Rechtssitz in Deutschland und sind ihre Geschäftsbedingungen hinterlegt? Ist sie Mitglied in einem der beiden Dachverbände aja (für gemeinnützige Organisationen) oder DFH (für kommerzielle Organisationen)? Wer einem der Verbände angehört, unterwirft sich nämlich dessen Qualitätsanforderungen.
in Qualitätsmerkmal ist auch, dass Schüler ein Auswahlverfahren durchlaufen müssen und dass es vorbereitende Informationsveranstaltungen gibt.
 

Achtet darauf, dass die Organisation die Gastfamilien sorgfältig auswählt. Denn von der Familie hängt es zum größten Teil ab, ob euer Traumjahr traumhaft wird. „Die Auswahl der Familie ist eine wichtige Aufgabe der Organisation“, sagt Regina Schmieg. Alarmiert solltet ihr sein, wenn die Organisation die Unterbringung in einem bestimmten Landesteil oder gar einer bestimmten Stadt verspricht. Denn das schränkt die Möglichkeit ein, eine passende Gastfamilie zu finden. Empfehlenswert ist es, wenn Schüler die Daten ihrer Gastfamilien schon vor der Abreise erfahren und mit ihr in Kontakt treten können.

Seid eurer Organisation nicht böse, wenn sie euch vor der Abreise mitteilt, dass sie keine passende Familie gefunden hat. Das ist ein Zeichen von Seriosität. Unseriöse Anbieter nehmen euer Geld und lassen euch reisen, obwohl es gar kein Obdach für euch gibt. Werdet stutzig, wenn euch eine Willkommensfamilie angeboten wird. Bei solchen Familien werden Gastschüler ein paar Wochen geparkt. In der Zeit sollen sie sich oft selbst eine Gastfamilie suchen.

Sehr wichtig sind Notfallnummern, die 24 Stunden lang erreichbar sind. Denn Familienwechsel kommen immer wieder vor. Sie sind kein Schaden. Sie lassen sich aber nur dann gut bewältigen, wenn die Organisation entsprechende Rufnummern unterhält, über die der Wechsel im Notfall auch schnell organisiert werden kann.

Hilfreiche Seiten: www.abi-ev.de, www.rausvonzuhaus.de, www.aja-org.de, www.dfh.org, www.bjr.de/international, www.ausgetauscht.de, www.austauschjahr.de, www.auslandsschuljahr.com

GUDRUN BAYER

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