| Am Anfang der Welt |
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Wie ist das, wenn plötzlich wie von Geisterhand Schränke wackeln, Bilder von den Wänden purzeln und Bücher aus dem Regal stürzen? Kerstin Pawlak weiß, wie es ist, wenn von einer Sekunde auf die andere die Erde anfängt zu wackeln: Die 19-Jährige aus Neunkirchen am Brand absolviert gerade ein freiwilliges soziales Jahr in Santiago de Chile und hat das schwere Erdbeben miterlebt, dass Chile Ende Februar erschüttert hat. Ein Erfahrungsbericht über das Leben „am Anfang der Welt" und auf wackeligem Boden. „Was machst du eigentlich hier in Chile?“, wurde ich vor einigen Tagen nach dem schwersten Nachbeben von einer älteren Frau gefragt. Meine Antwort: „Ich mache ein practica de vida (Lebenspraktikum)“, denn als solches verstehe ich meinen einjährigen Aufenthalt in Santiago de Chile. Lernen, wie andere Menschen leben und arbeiten, eine neue Sprache, eine andere Kultur und viele neue Freunde kennenzulernen, waren der Anreiz, der mich hierher nach Südamerika gebracht hat. Ich sage bewusst nicht „hierher ans Ende der Welt": Denn ein chilenischer Freund aus Punta Arenas, der südlichsten Stadt Chiles, hat mich belehrt, dass bei ihnen der Anfang der Welt sei. Man lernt hier eben die Dinge mit anderen Augen zu sehen. Das Zentrum wurde in den siebziger Jahren als Kindergarten von der deutsch-chilenischen Kirchengemeinde „La Reconciliación“ (Versöhnung) gegründet und ist über die Jahre zu einem zehnstufigen Ausbildungszentrum gewachsen. Die Kirchengemeinde ist nach wie vor Träger des Schulzentrums und bezuschusst die schulgeldfreie Ausbildung der Kinder durch Spenden. In zwei Kindergartengruppen, der achtstufigen Grundschule und zwei Erwachsenenbildungsklassen werden jährlich zwischen 380 und 400 Kinder und Jugendliche unterrichtet. Einmal quer durch die Fünf-Millionenstadt Mein Tag beginnt mit einer einstündigen Stadtdurchquerung mit Bussen und Metro. Ich wohne mit einer anderen Freiwilligen auf dem Gelände der Kirchengemeinde im Norden der Stadt. Wir teilen uns eine 25 Quadratmeter kleine Wohnung - im Süden der Stadt würde in so einer Wohnung eine vier- bis sechsköpfige Familie Platz finden. Die Schule beginnt um 8.30 Uhr und endet nach acht Schulstunden um 15.45 Uhr. Wenn ich gegen 17 Uhr nach Hause komme, bin ich meistens so müde, dass Freizeitaktivitäten auf das Wochenende verschoben werden. Im ersten halben Jahr hier in Chile hatte ich keine ganz feste Aufgabe. So habe in der 3. Klasse und im Kindergarten die „Tías" (spanisch für „Tante") unterstützt und dem Hausmeister sowie dem Buchhalter geholfen. Da ich bei meiner Ausreise kurz nach dem Abitur vergangenes Jahr nur noch das nötigste Spanisch lernen konnte, war es anfangs nicht einfach, mich zu verständigen und die anderen zu verstehen. Nach mittlerweile acht Monaten kann ich sagen, dass auch Chilenisch lernbar ist und ich jetzt sehr gut mit den Kollegen zusammenarbeiten kann.
Während der Sommerferien konnte ich Chile und den „Anfang der Welt“ kennenlernen. Fasziniert hat mich die waldige Steilküstenlandschaft südlich von Punta Arenas, die noch so unberührt ist und wo man sich gut vorstellen kann, wie portugiesische Siedler vor 150 Jahren die Südspitze Südamerikas erobert haben. In Punta Arenas konnten wir bei einem chilenischen Freund auch das traditionelle Gericht Patagoniens, Lamm am Spieß, probieren. Egal in welcher Jahreszeit ist spontanes „Asado" (Grillfest) immer schnell vorbereitet. Ansonsten lieben die Chilenen „Empanadas" (mit Käse oder Hackfleisch gefüllte Teigtaschen), „pastel de choclo" (Maisbrei-Hackfleisch-Auflauf) und natürlich Süßes. Die „Palta" (Avocado) wird vor allem als Brotaufstrich, aber auch als Aufstrich auf Burger und „Completos" (Hotdogs) gegessen. Die Chilenen beanspruchen, genauso wie die Peruaner, den „Pisco" (Branntwein) als ihren National-Schnaps. Aber auch auf die „cervezas artesanales" (handwerklich gebraute Biere), gebraut nach deutschem Rezept, sind sie sehr stolz. Das Essen spielt in Chile eine sehr große Rolle, da während den Mahlzeiten die Familie zusammenkommt. Zu jeder Mahlzeit wird Weißbrot gegessen. Ein chilenisches Sprichwort sagt zu dem großen Unterschied von Arm und Reich: Niemand im Land soll so arm sein soll, dass er kein Brot mehr abgeben kann und niemand soll so reich sein, dass er keines mehr annehmen kann. Begeisterung für Deutschland Es ist sehr schwer über „die Chilenen“ oder „die chilenische Gesellschaft“ zu sprechen, denn in keinem anderen Land Südamerikas ist der Unterschied zwischen Arm und Reich so groß. Geld spielt eine sehr wichtige Rolle, denn Bildung ist käuflich und so ist es schwierig, dem Teufelskreis der Armut zu entfliehen. Außerdem gibt es in Chile im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Ländern sehr viele verschiedene Bevölkerungsgruppen. Die Mapuche zum Beispiel, ein chilenisches Ureinwohner-Volk, müssen stark gegen Diskriminierung kämpfen. Mir als Europäerin und Deutschen begegnen die Menschen hier fast immer herzlich, denn deutsch steht für Qualität. Es ist schön, so weit weg von zu Hause auf eine solche Begeisterung für Deutschland zu treffen. Im Süden Chiles Leben leben übrigens sehr viele europäische Einwanderer, die auch heute noch ihre europäische Kultur pflegen und an die nächsten Generationen weitergeben. Trotz der Armut ist das äußere Erscheinungsbild für die Chilenen sehr wichtig. So kommt es, dass Familien aus einer sozial schwachen Schicht am Ende des Monats kein Geld mehr für Essen haben, andererseits aber in den neusten Anziehsachen herumlaufen. Deshalb ist es auch schwierig, die Armut zu erkennen. Nicht nur in punkto Arm und Reich ist Chile ein Land der Gegensätze. Das Land misst über 4000 km entlang der Westküste Südamerikas. Mit den Teilen der Antarktis, die Chile beansprucht, erstreckt sich das Land über 8000 km von Norden nach Süden, wobei es durchschnittlich nur 180 km breit ist. Pazifikküste und Anden, Atacama-Wüste mit dem höchsten Berg Chiles mit 6893m Höhe sowie Seenlandschaften, Vulkane und flache Pampa sind nur Beispiele für die kontrastreiche Landschaft.
Seit Schulbeginn Anfang März begleite ich die 1. Klasse in allen Schulstunden als Hilfslehrerin. Mit einer weiteren Assistenzlehrerin und der Fachlehrerin können wir die 43 Kindern unterrichten. Die chilenischen Kinder sind sehr lebhaft, und viele von ihnen kommen aus schwierigen Familienverhältnissen. Sie werden ohne Grenzen und Konsequenzen erzogen, was den Unterrichtablauf sehr erschwert und ständig für Unruhe sorgt. Einige Kinder müssen auch mit häuslicher Gewalt und drogenabhängigen Eltern aufwachsen. Deshalb freue ich mich, dass sie in der Schule sicher und gewaltfrei lernen und sich entwickeln können. Ordentlich durcheinander gewirbelt wurde mein Alltag hier in Chile durch das schwere Erdbeben am 27. Februar und den ständigen Nachbeben seitdem. „Wie fühlt sich ein so starkes Erdbeben an?“, wollten meine Familie und meine Freunde in Deutschland in den ersten Mails nach dem Beben wissen. Als ich am 27. Februar um 3.34 Uhr unsanft aus dem Schlaf gerüttelt wurde, war mein erster Gedanke eher positiv. Ich weckte meine Mitbewohnerin Carina, die auch einmal ein Beben „mitbekommen“ wollte. Seit Wochen war immer schon leichtes Wackeln zu spüren. Ziemlich schnell bemerkten wir jedoch, dass es dieses Mal nicht bei einer leichten Erderschütterung bleiben würde: Es schwankte alles immer heftiger und die Mauern unseres Hauses begannen grauenvoll zu knarzen. Schutz im Türrahmen Ich hatte die Warnung vor einem größeren Beben auf der Internetseite der Deutschen Botschaft gelesen. In der Vergangenheit gab es 1960 und 1985 zwei sehr starke Beben, und man hatte für 2010 das nächste starke Beben errechnet. Dank der guten Informationen im Internet wusste ich, dass wir uns in den Türrahmen setzen sollten oder an der Wand neben großen Möbelstücken Schutz suchen müssen. Unser Haus schaukelte so, dass wir uns auf dem Weg zur Tür festhalten mussten. Als wir im Türrahmen saßen, fühlte es sich an, als würde man mit dem Auto über einen grob gepflügten Acker fahren. In dieser Situation hatten wir das Gefühl, völlig die Kontrolle verloren zu haben - denn es war ja absolut ungewiss, was in den nächsten Minuten noch mit uns passieren würde. Wenn mir vorher jemand gesagt hätte, dass sich ein Haus so bewegen kann, ohne einzustürzen, hätte ich die Person für verrückt erklärt. Doch dank des Stahlbetons hat unser Haus, genauso wie fast alle Häuser Santiagos, dem Beben Stand gehalten. Nach zehn Minuten sind wir wieder ins Bett gegangen. Die sofort darauf folgenden Nachbeben fühlten sich an, wie wenn man auf einem Segelboot im Hafenbecken schaukelt - nur eben ein bisschen merkwürdiger, denn man ist an Land und die Wände bewegen sich und die Fensterrahmen geben unheimliche Geräusche von sich.
Erst am nächsten Morgen realisierte ich, was überhaupt passiert war. Es klingt absurd, aber meine Familie in Deutschland wusste schon eine halbe Stunde nach dem Ereignis von dem schweren Erdbeben in Chile. In der Nacht fiel bei uns der Strom aus und am nächsten Morgen funktionierte auch das Radio nicht. Auf dem Weg zum (geschlossenen) Supermarkt, konnte ich eine Zeitung kaufen, die es noch kurz vor dem Druck am frühen Morgen geschafft hatte, auf die Titelseite „TERREMOTO (spanisch für „starkes Erdbeben") – Stärke 8,8 auf der Richterskala“ zu drucken. Da bei mir im Stadtviertel nur wenige Gartenmauern umgefallen und auch sonst nur wenig Schäden zu sehen waren, haben mich die Nachrichten und die Bilder aus der Stadt Concepción geschockt, die wir später im Internet sahen. Seit dem 27. Februar bebt es ständig. Ich weiß teilweise nicht, ob es wirklich bebt oder ob ich mir es nur einbilde. Die Menschen sehen müde aus. Nicht nur das persönliche Leben vieler Chilenen wurde stark durch das Beben beeinflusst, sondern auch im gesellschaftlichen Leben gab es wegen des Erdbebens Verschiebungen. So wurde zum Beispiel der Schulanfang in ganz Chile um eine Woche verlegt. Auch die Zeitumstellung von Sommer- auf Winterzeit wurde um drei Wochen nach hinten verschoben, damit die Menschen im Katastrophengebiet eine Stunde länger das Tageslicht nutzen können. Erdbeben in der Schule In meinem Projekt wurde am 8. März, dem ersten Schultag, nach den langen Sommerferien, die erste Erdbeben-Alarm-Übung durchgeführt. Wir haben mit den Schülern „Operation Daisy“ geprobt. Das bedeutet, dass wir während dem Beben unter den Tischen Schutz suchen und danach möglichst schnell die Schule evakuieren. Was am Montag noch lustig erschien, wurde am Donnerstag ernst. Am 11. März begann die Erde nochmals schwerer zu beben. Um 11.39 Uhr, kurz vor der zweiten Pause ertönte die vereinbarte Erdbeben-Alarmglocke, und dann ging alles sehr schnell. Während des Bebens zählte für mich nur noch, die 35 Erstklässler aus dem Gebäude heraus zu begleiten und zu beruhigen. Es klappt ealles besser als geprobt, und nach wenigen Minuten legte sich auch meine Anspannung - aber meine Beine zitterten fürchterlich. Nach 15 Minuten kam das erste starke Nachbeben - das zweite Nachbeben nach weiteren zehn Minuten spürte ich schon gar nicht mehr. Ich war so geschafft von der Verantwortung für so viele Kinder, die teilweise panisch reagiert haben.
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Leben 

Als Freiwillige im bebenden Chile
Lamm am Spieß
Drogenabhängige Eltern
Ohne Strom und Radio
Wir müssen momentan mit dem ständigen Beben leben. Während ich diesen Bericht schreibe, wurde in 375 km Entfernung ein Beben der Stärke 6,7 von einem Seismologen registriert. Ich habe mich jetzt an das ständige Beben gewöhnt und hoffe, dass es in den kommenden Wochen weniger wird. Für mich ist es immer noch ein unfassbares Abenteuer, welches ich hoffentlich mit der Zeit verstehen werde.
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