Die Dämonen haben keine Chance PDF Drucken

Gezielt legt der Pfarrer seine Hände an die Schläfen eines Jungen, um einen bösen Geist auszutreiben. Foto: Daniel UphausIn Tansania gehört Exorzismus zum sonntäglichen Gottesdienst

An Pfingsten kommt nach christlichem Glauben der Heilige Geist vom Himmel herab und durchdringt die Gläubigen. In Afrika gehört auch das Gegenteil noch zum Christentum: die Austreibung böser Geister, sprich der Exorzismus.  Daniel Uphaus  studiert in Erlangen Theologie, Sport und Geschichte für das Lehramt an Gymnasien und hat während seines Studienjahrs in Tansania selbst solche Austreibungsrituale miterlebt.

 

"Und es war ein Mensch in der Synagoge, besessen von einem unreinen Geist, und der schrie laut: Halt, was willst du von uns, Jesus von Nazareth? Du bist gekommen, uns zu vernichten. […] Und Jesus bedrohte ihn und sprach: Verstumme und fahre aus von ihm! Und der böse Geist […] tat ihm keinen Schaden“ (Lk 4,33-35).

 

Wie ernst nehmen wir eigentlich die Texte unserer Bibel? Und wie gehen wir damit um, wenn andere Völker die Heilige Schrift wörtlicher auslegen als wir? Als Lehrer an einem Internat in der tansanischen Hauptstadt Dar es Salaam besuche ich den sonntäglichen Schulgottesdienst, der in einer kleinen Kirche stattfindet. Meine Schüler singen und tanzen voller Freude und hören sich geduldig die einstündige Predigt an. 

Am Ende lädt der Pfarrer alle nach vorne ein, die irgendein Problem im Leben hätten. Nur wenige bleiben sitzen, die meisten scharen sich um den Altar, die Köpfe bedächtig gesenkt. „Katika jina la Yesu! Im Namen von Jesus!“ ruft der Pfarrer laut aus und legt seine Hände auf den Kopf einer Schülerin, die sofort zu schluchzen anfängt.

„Pokea nguvu za Mungu! Empfange die Stärke Gottes!“ Auch andere Schüler beginnen leise zu wimmern, „Pokea! Empfange!“ schreit der Pfarrer laut in den Raum. Plötzliche Unruhe inmitten der Schülerschar – ich eile hin und sehe einen Jungen am Boden liegen, stöhnend und angespannt um sich schlagend.

Ich denke an einen epileptischen Anfall. Doch schon fällt die nächste laut kreischend neben mir zu Boden. „Toka! Hinaus“ rufen die umstehenden Kinder und strecken ihre Bibeln und Kreuz-Anhänger auf die zuckenden Körper am Boden. Endlich begreife auch ich, was hier passiert: Ich erlebe meinen ersten Exorzismus.

Der Dämon Mahir, der das Lernen behindert

Doch weiß ich nicht, wie ich mich verhalten soll. Zwar habe ich eine gute Sanitätsausbildung genossen, allein ich scheine ein lausiger Exorzist zu sein. Der Pfarrer kommt dazu und fragt: „Wewe ni nani? Wer bist du?“ „Mahir“ krächzt der Schüler, der Edward heißt, mit unheimlich tiefer Tonlage. „Una haki gani? Welches Recht hast du, in diesem Körper zu sein?“ fragt der Geistliche. 

Edward windet sich und bringt nur ein leicht quietschendes Brummen über die Lippen. Der Pfarrer wiederholt seine Frage. Der Junge wirft seinen Kopf hin und her, reißt plötzlich die Augen weit auf, stiert den Geistlichen an und schreit laut und gedehnt „Hasomi! Er lernt nicht“.

Gezielt legt der Pfarrer seine Hände an die Schläfen des Jungen und beginnt zu beten: „Power of Jesus! Im Namen des Herrn, verlasse diesen Körper!“ Edward versucht sich kraftvoll aus dem Griff zu befreien, stöhnt noch einmal heftig auf und wird schließlich ganz ruhig – sein Dämon ist fort. 

Doch nicht bei jedem geht es so schnell, ganze drei Stunden dauert das Ritual an, bis der letzte böse Geist vertrieben ist. Wir stehen nun beisammen und singen das ruhige Lied „Niguse tena. Berühr’ mich wieder“. Nach und nach stimmen alle Kinder mit ein, halten sich die Hände und durchfluten die Kirche mit ihrem vollen Gesang.

Als ich dieses Erlebnis einem tansanischen Freund und Pfarrer erzähle, schmunzelt er mitfühlend und gibt mir eine Lektion über die traditionelle Geisterwelt. Überall im Land werden schon seit jeher Dinge erlebt, die nicht erklärbar sind. Da ist schon mal ein Greis nachts auf dem Wipfel einer Palme aufgewacht, obwohl er nicht klettern kann. Ein anderer bekommt Besuch von Geistern, die trommeln und tanzen.

Verantwortlich dafür sind Wachawi, die Hexenmeister, die heimlich mit Hilfe ihrer „witchcraft“ den Zauber verursachen. Interessant ist, dass in Tansania die Hexen nicht auf Besenstielen, sondern auf Reisschalen („Ungus“) durch die Lüfte fliegen.

Böse Geister stören die Ehe und die Gesundheit

Die christlichen Missionare im 19. Jahrhundert verurteilten diesen Hexenglauben, boten jedoch keine Alternativen an. Nach einigen Jahrzehnten fanden die Tansanier einen Weg, ihre Kultur bibelkonform mit der neuen Religion zu vermischen.

Im „Roho Christianity“, dem spirituellen Christentum, bedient man sich der biblischen Dämonen, um ein neues Denkmodell des übernatürlichen Wirkens zu erstellen. Man geht heute davon aus, dass Krankheiten, Unglücke, Eheprobleme oder Lernschwierigkeiten von Dämonen verursacht werden. Die Geisteraustreibungen dienen der Heilung, der Sühne und der unmittelbaren Empfindung von Gottes Allmacht.

Dass dieses Verhalten der Kinder im Gottesdienst, das wir Europäer als befremdlich, unzivilisiert oder gar unchristlich betrachten mögen, hat also einen fundierten biblischen Hintergrund. Wie befremdlich mag es für tansanische Christen erscheinen , dass sich europäische Jugendliche bei gehörschädigender Musik mit Alkohol und Zigaretten den eigenen Körper vergiften und zuckend den Lichtblitzen einer Disco hingeben? Ist das die zivilisiertere Methode, sich in Ekstase zu versetzen? 

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