Mittendrin im Fahnenmeer PDF Drucken

Fahnen hoch! An Feiertagen wie am 1. Mai zog die FDJ fahneschwenkend durch die StraßenTimo Fischer stellte die DDR-Organisation FDJ nach dem Mauerfall in Frage

Ihr wart noch nicht geboren, als es geschah: Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Zum 20-jährigen Jubiläum begeben wir uns auf Zeitreise in die DDR. Es berichten Menschen, die damals jung waren, wie ihr Leben hinter dem grauen Betonwall aussah. Hier: Timo Fischer (39) über seine Zeit bei der Jugendorganisation Freie Deutsche Jugend (FDJ).

 

Er hätte ihn auch wegschmeißen können – es ist Zufall, dass Timo Fischer seinen FDJ-Ausweis noch hat. Irgendwo zwischen alten Unterlagen steckte das Dokument aus dem Jahr 1984. Ein hübscher Bubi blickt einen vom eingeklebten Passbild aus an, darunter hat in ungelenker Kinderschrift Timo Fischer signiert. „Was ich bei der FDJ sollte, wusste ich nicht. Ich war ein Mitläufer“, sagt der heute 39-Jährige. Besonders viel ist ihm nie gelegen, an der Freien Deutschen Jugend, es hätte es gut sein können, dass der Mitgliedsausweis längst in der Müllpresse gelandet ist.

Am 1. September, zu Beginn der 8. Klasse und zwei Monate nach seinem 14. Geburtstag, wurde Timo Mitglied der Freien Deutschen Jugend. Nicht aus freien Stücken, „das geschah mehr oder weniger automatisch: Mitschüler aus älteren Jahrgängen kammen in die Schulklasse, haben die FDJ-Ausweise verteilt und dann hat man unterschrieben. Sich dagegen wehren — das ging eigentlich nicht“. Nur ein paar Schüler, vor allem die, die in der Kirche waren, gingen nicht zur FDJ. Ihre Eltern waren als Systemgegner verschrien, die Kinder selbst galten als Außenseiter. „Das wollte ich nicht sein“, sagt Timo. Also fielen für ihn die Nachmittage, in der kirchlichen Gemeinde in denen Jugendliche auch mal kritisch über die DDR diskutierten, flach. Timo trat der FDJ bei.

Der Eintritt in den sozialistischen Jugendverband folgte nach der Mitgliedschaft bei den Jungen Pionieren und den Thälmannpionieren. Alle drei Organisationen gehörten zum politischen System der DDR, über sie beeinflusste der Staat Kinder und Jugendliche. „Einmal im Monat mussten wir in die Sitzung. Ältere FDJler erzählten uns über den ,bösen Westen‘ und unseren guten sozialistischen Staat“, erinnert sich Timo. Er hörte meist nur mit halbem Ohr hin. Auf der traditionellen 1. Mai-Demo, am Internationalen Kampf- und Feiertag der Werktätigen, lief Timo im Strom der Demonstranten mit. Die blaue FDJ-Fahne schwenkte er stolz. „Das war toll, dieses Miteinander und die Fahnen. Auch da habe ich mir keine Gedanken gemacht, warum ich dabei bin. Nachfragen, Nachdenken – das hätte bloß Ärger gebracht.“

Auch ohne viel Zuhören und Nachdenken hat Timo mitbekommen, was ihm sein Staat beibringen wollte: Alle DDR-Bürger sollten vor dem Westen Angst haben. „Was ist, wenn die uns angreifen?“ Die Frage wurde in den Sitzungen der FDJ häufig gestellt, sagt Timo. „Mit dem Verband sind wir übers Wochenende ins Trainingslager gefahren, und haben gelernt, wie man Handgranaten wirft.“ Nur Attrappen — aber trotzdem: Wenn Timo heute daran denkt, ärgert er sich, dass er so gedankenlos mitgemacht hat.
Doch für die Jugendlichen hatten diese Kriegsspiele Vorteile: Ein Wochchenende im Zeltlager im Wald, ganz ohne Eltern, und der Ausflug wurde auch noch vom Staat mitfinanziert. Wer lässt sich das schon entgehen?

Dadurch, dass die DDR Kindern und Jugendlichen vorgeschrieben hat, welche sozialistische Einrichtung oder Verstaltungen sie zu besuchen haben, hat sie ihnen aber auch „ein eigenständiges Leben ermöglicht“, meint Timo. Ob zum Sport, zum Handgranatenwerfen oder in die FDJ-Sitzung, „wir sind überall alleine hingegangen. Wir waren keine Mama-Kinder“. Und sie waren auch keine Stubenhocker. „Wir wurden jeden Nachmittag woanders hin dirigiert, da gab es keine traurig-langweiligen Computernachmittage wie heute.“ Traurig mag auch sein, dass Timos Jugend in der Diktatur nicht frei war. Damals ist ihm das nicht aufgefallen. „Darüber habe ich erst nach der Wende nachgedacht.“

DANIELA RAMSAUER
 

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