Knapp vorbei am „kostenlosen Haarschnitt“ PDF Drucken

Sie hatten lange Haare, tranken Bier und hörten Rockmusik — Heinz Schefter (rechts) mit Freunden bei der Silvesterfeier 1973/74. Foto: privat Heinz Schefter durfte seine Mähne behalten - Seine Kumpels, die gegen die DDR rebellierten, wurden rasiert

Ihr wart noch nicht geboren, als es geschah: Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Zum 20-jährigen Jubiläum begeben wir uns auf Zeitreise in die DDR. Es berichten Menschen, die damals jung waren, wie ihr Leben hinter dem grauen Betonwall aussah. Hier: Heinz Schefter über seine rebellische Jugend.

In Gruppen à 30 Mann fielen sie in Kleinstädte und Dörfer ein, Langhaarige, bekleidet mit Westparka und Levis, die Bierflaschen fest in der Hand — die rebellischen Jugendlichen der DDR. Die jungen Menschen waren der Albtraum der angepassten Bevölkerung und der sozialistischen Staatsmacht. Im Volksmund hießen sie Gammler, Assoziale, Tramper oder Bluesfreaks. Heinz Schefter (heute 57) war einer von ihnen.

„An den Wochenenden sind wir zu Rockkonzerten gepilgert, wir haben die ganze DDR bereist“, sagt Heinz. Pudhys, Sterngruppe Meißen oder Rote Gitarren waren die Namen der Bands, die der damals 20-jährige Heinz und seine Freunde verehrten. Selbst wenn die Konzerte in der hintersten Ecke der DDR abgehalten wurden — den Jugendlichen entging keines. Unterwegs waren sie mit dem Zug oder per Anhalter.

Und egal wo sie ankamen, „wir waren dem Polizeiterror ausgesetzt“, sagt Heinz. Gerade in kleinen Städten erregte es Aufmerksamkeit, wenn aus dem Nichts ein Haufen junger Leute auftauchte und sich geschlossen in Richtung Tanzsaal bewegte. „Zu den Konzerten kamen Jugendliche aus der ganzen DDR — irgendwann kannten wir uns alle“, sagt Heinz.

Die Staatsmacht betrachtete diese jungen Menschen als Klassenfeinde. Nicht zuletzt, weil die von ihnen angebeteten Bands in ihren Liedtexten — mehr oder weniger versteckte — Kritik am sozialistischen Staat übten. Außerdem widersprach das äußere Erscheinungsbild der „Gammler“ dem vom Regime propagierten Bild des wohlschaffenden, korrekten Ossis.

„Wir fielen auf und wurden deshalb häufig von der Polizei kontrolliert. Wenn du Pech hattest, wurdest du einkassiert und bekamst einen kostenlosen Haarschnitt“, erinnert sich Heinz. Ihm blieb dieses Schicksal erspart, aber ein paar seiner Kumpels mussten ihre lange Mähne auf der Polizeiwache lassen. „Das war reine Schikane, die wollten uns einschüchtern“, erzürnt sich Heinz. 

Mit allen Mitteln versuchte die Polizei, das Aufmarschieren größerer Gruppen zu verhindern. „Wenn ein Konzert anstand, passierte es schon mal, dass die Polizei unsere Ausweise vorher einzog. Die wollten nicht, dass wir ,Störenfriede‘ dort auftauchten. Denn ohne Ausweis war es uns verboten, unsere Heimatstadt zu verlassen.“ Wer das trotzdem wagte, bekam seinen Personalausweis nicht mehr. In so einem Fall wäre es vorbei gewesen mit Heinz’ großer Leidenschaft: dem Reisen in die „sozialistischen Bruderstaaten“.

Mit 20 arbeitete Heinz als Feinblecher, seinen Lohn sparte er für die Reisen. „Wenn mein Bruder und ich genug Geld zusammen hatten, kündigten wir unsere Jobs und blieben so lange weg, bis alles ausgegeben war.“ Gemeinsam mit seinem zwei Jahre älteren Bruder paddelte er durch die polnische Seenlandschaft, fuhr mit dem Motorrad oder ging in Ungarn zum Zelten. „Es war zwar nicht Kanada oder Griechenland, aber es war trotzdem toll“, sagt Heinz.

Wenn die beiden nach Hause zurückkehrten, hatte die Volkspolizei meist schon mehrere Male an die Tür der Mutter angeklopft: „Die hatten schon wieder einen neuen Job für uns. Darum mussten wir uns nicht kümmern, das hat der Staat erledigt — Arbeiten war in der DDR ja Pflicht.“

Genau wie Wählen. Wobei schon vorher klar war, dass Diktator Erich Honecker und seine SED wieder an die Macht kommen. Deshalb haben Heinz und sein Bruder die Wahlen, soweit möglich, boykottiert. „Wahltag war für uns Wandertag. Wir kehrten erst gegen 17.45 Uhr, eine Viertelstunde vor Schließung des Wahllokals, zurück.“

Da wartete mal wieder die Polizei vor der Tür und „bat“ die Schefters zum Wählen. „Wir haben alle Namen auf der Liste durchgestrichen und sind wieder gegangen“, erzählt Heinz. Angst vor Konsequenzen hatten die Jugendlichen nicht. „Wir haben das immer so gemacht, wir waren direkt.“ Und zur Strafe fielen dann eben mal wieder ein paar Haare.

DANIELA RAMSAUER

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Frank W. Becher - Fürth /Bay   |IP-79.225.193.xxx |14-11-2009 15:52:02
Hallo leute
Habe heute euren Bericht ( Knapp vorbei am kostenlosen
Haarschnitt)in den "Nürnberger Nachrichten" gelesen. Da muss ich mal
meinen Komentar los werden. Ich bin Jahrgang 1955 und habe die DDR auch zur
Genüge erlebt. Ich muss sagen, wer auf Konzerte von den "Puhdys" (nicht
Buddies) gegangen ist, der ist kein richtiger DDR-Gegner gewesen. Die
"Puhdys " gehörten zu den lienientreuen SED-Midgliedern der
DDR-Kulturszene. Sonst hätten sie nie ins westliche Ausland gedurft. Richtige
Disidenten wie ich hhaben sich solche honeckertreuen Gestalten nicht rein
gezogen.
Außerdem gab es keine "Stammgruppe Meißen" sondern ein
"Sterncombo Meißen". Entweder hat der Heinz ein schlechtes Gedächnis
oder ihr habt schlecht recherschiert.

Herzlichst Frank W. Becher, Fürth

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