Jugendliche erzählen ihre Geschichte PDF Drucken

Was hat die Gesellschaft ihm angetan? Dieser junge Nazi (hier verfremdet dargestellt) lief bei einer NPD-Demo mit und brachte den Musiker Jo Jasper ins Grübeln. Bild: Jo JasperWie ein junger Nazi ein CD-Projekt auslöste

Welchen Wert haben Jugendliche heutzutage in unserer Gesellschaft? Diese Frage bewegt den Nürnberger Musiker Jo Jasper (46) seit einiger Zeit – seit er einen 16-Jährigen bei einer NPD-Demo mitlaufen sah. Jasper hat versucht, mit Hilfe von Jugendlichen Antworten zu finden. Herausgekommen ist eine außergewöhnliche CD mit dem Titel „Erzähle deine Geschichte“.

 Es ist der 11. November 2007. Durch Gräfenberg zieht ein Demo-Zug der NPD. Unter den Demonstranten läuft auch ein Junge mit, etwa 16 Jahre alt. Die Kapuze seines Pullovers hat er tief ins Gesicht gezogen.

Diese Szene spielt sich vor den Augen von Jo Jasper ab, der sich dem Bürgerforum Gräfenberg gegen den NPD-Aufmarsch angeschlossen hat. Und sie bewegt ihn: „Obwohl die NPD-Demo mit etwa 20 Teilnehmern popelig war, herrschte eine aggressive Stimmung. Und dann dieser Jugendliche – das hat mich schockiert. Warum läuft er mit? Was hat unsere Gesellschaft ihm angetan?“

Diese Gedanken machen Jo Jasper nachdenklich und er möchte sie mit jungen Menschen besprechen. So entsteht das Projekt „Erzähle deine Geschichte“: Über Monate hinweg fährt der Musiker nach Forchheim, geht dort in drei Jugendeinrichtungen, spricht mit jungen Leute über ihre Gedanken und Gefühle, Sorgen und Ängste.

Jasper bemerkt: „Viele dieser Jugendlichen sind frustriert, weil es für sie keinen Platz mehr gibt. Sie fühlen sich nicht als gleichwertiger Teil der Gesellschaft.“ Manche suchen schon seit Ewigkeiten nach einem Ausbildungsplatz – ohne Erfolg. Einige werden ausgegrenzt, weil sie oder ihre Eltern nicht aus Deutschland stammen. Andere fühlen sich fremd, weil sie einfach nicht so sind wie der Mainstream.

Ende 2008 nimmt Jo Jasper mit den Jugendlichen eine CD auf. In deren Mittelpunkt steht die Frage: Warum fühlen sich junge Menschen als Außenseiter? Die Antworten geben die Jugendlichen: Sie tragen selbst geschriebene Gedichte und Lieder vor. Koray beispielsweise singt über „Vaterland“, Lisa berichtet von ihren Sehnsüchten, und Tobias und Daniel wehren sich gegen Anzugträger und Politiker, die keine Rücksicht mehr auf Jugendliche nehmen. „Die Jungs und Mädels haben viel von sich eingebracht“, sagt Jo Jasper, „und daraus sind im Studio spontan Lieder entstanden.“

Zwischen den Songs sind auf der CD Ausschnitte aus Gesprächen zwischen Jo Jasper und den Jugendlichen zu hören. Außerdem redet der Musiker über seine persönlichen Gedanken. „Denn nur so kann man doch zu einem wahren Miteinander kommen“, meint Jasper, „indem man auf andere zugeht, ihnen zuhört und sich auch seine eigenen Sorgen eingesteht“.

Auf dieser Seite stellen wir drei der Jugendlichen vor, die an der CD „Erzähle deine Geschichte“ mitgewirkt haben. Sie erzählen, was sie bewegt. Übrigens: Wer Lust hat, selbst in die CD reinzuhören, wendet sich an Jo Jasper, Tel. 0911/8105445 oder Mail Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

Hier geht's zu den Geschichten von Koray, Michaela und Tobias.

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Koray Yildirim: Ein Pendler zwischen den Kulturen

Wünscht sich ein friedlicheres Miteinander: Koray Yildirim. Foto: Annika Peißker

Ist er Deutscher, oder ist er Türke? Diese Frage stellt sich nicht, wenn man Koray Yildirim trifft. Denn der 15-Jährige ist ein wahrer Kosmopolit – im besten Sinne des Wortes. Seine Eltern stammen beide aus der Türkei, aber zu Hause wird Deutsch gesprochen. Er ist in einen christlichen Kindergarten gegangen und war in der Grundschule Klassenbester in Deutsch. Er spricht Türkisch und Deutsch fließend und kann Arabisch lesen. Seine Kumpels kommen aus Russland, der Türkei, Deutschland, Arabien.

„Ich fände es total langweilig, nur mit Türken abzuhängen“, sagt Koray. Die bunte Mischung aus vielen Lebensstilen macht das Leben für ihn gerade interessant.

Diese positive Lebenseinstellung hat der Neuntklässler der Georg-Hartmann-Realschule Forchheim auch auf der CD „Erzähl deine Geschichte“ eingebracht. Im Lied „Vaterland“ träumt er von einem friedlichen Miteinander aller Menschen; ruft zu mehr Nächstenliebe auf.

Dabei hat auch Koray schon Vorurteile zu spüren bekommen. Auf Partys fangen Leute manchmal an zu pöbeln, weil sie ihn als „Türken“ erkennen. „Dann drehe ich mich um und geh weg.“ Ist Koray aber in der Türkei zu Besuch, wird er neuen Leuten oft vorgestellt als: „Das ist der Deutsche.“ So abgestempelt zu werden, trifft den 15-Jährigen durchaus. Immerhin können solche Sätze viel stärker verletzen als eine Schelle, meint er. Er versteht nicht, wo das Problem zwischen den Kulturen liegt. „Wir sind doch alle Jugendliche.“

Eine unbekümmerte Offenheit lebt Koray auch in Sachen Religion. Er ist gläubiger Moslem, geht regelmäßig in die Moschee, betet fünfmal am Tag. Aber genauso besucht er in der Schule manchmal den christlichen Religionsunterricht und liest die Bibel. „Das ist total interessant“, erzählt Koray begeistert, „denn Koran und Bibel sind fast identisch, es gibt viele gleiche Gebote.“

Ignoranz ist das, was Koray am meisten stört. Es macht ihn wütend, wenn jemand über ihn behauptet, er glaube nicht an Gott, nur weil er zu Allah bete. „Dabei ist Allah doch einfach nur ein Fremdwort für Gott – so wie Apfel im Englischen eben ,apple‘ heißt.“

Der 15-Jährige ist fest überzeugt, dass es sich viel friedlicher miteinander leben lässt, wenn man sich für die Lebensweise anderer interessiert. Er lebt nach dem Grundsatz: „Geh auf die anderen zu und bringe sie in unsere Mitte.“ Denn, so Koray, „was habe ich schon zu verlieren, wenn ich jemanden mal anlächle?“

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Michaela Faltermaier: Mut zum Anderssein

Wehrt sich gegen Schubladendenken: Michaela Faltermaier. Foto: Annika Peißker

Eigentlich wollte Michaela Faltermaier Hörgeräteakustikerin werden. Nach ihrer Mittleren Reife fand sie auch gleich einen Ausbildungsplatz – doch dort hieß es nach ein paar Monaten plötzlich, sie sei für den Beruf nicht geeignet. So saß sie von heute auf morgen auf der Straße – ohne Lehre, ohne Perspektive. Also wurde sie übergangsweise ins Kolping-Bildungszentrum Forchheim geschickt.

Dort kam die heute 18-Jährige aus Ebermannstadt mit Jo Jaspers Projekt in Verbindung. An vielen Nachmittagen sprachen die Kolping-Schüler mit dem Musiker über Ausländerfeindlichkeit und Anderssein. Die Gespräche flossen in den Song „Vielfalt tut gut“ ein, den Michaela mit eingesungen hat.

Wie schnell Leute, die „irgendwie anders“ sind, ausgegrenzt werden, hat die 18-Jährige am eigenen Leib gespürt. Sie hat eine transsexuelle Freundin, die als Junge geboren wurde und inzwischen als Frau lebt. „Aber wenn man in einem kleinen Ort wie Ebermannstadt als Mann Frauenkleider trägt und sich schminkt, wird man automatisch in die Schublade ,schwul‘ gesteckt“, weiß Michaela.

War Michaela mit ihrer Freundin in der Stadt unterwegs, wurden ihnen Aussagen wie „Werd normal!“ oder „Mach eine Therapie!“ entgegengeworfen. Selbst die Eltern der Transsexuellen haben ihr Kind plötzlich als „Ausgeburt der Hölle“ wahrgenommen.

Doch Michaela stand hinter ihrer Freundin – auch wenn sie teilweise selbst zur Zielscheibe wurde. Sie besorgte ihrer Freundin einen Platz in einer Selbsthilfegruppe, sprach mit deren Eltern. „Der beste Weg ist es, offen auf ,Störenfriede‘ zuzugehen“, sagt Michaela.

So handhabt sie es auch, wenn sie bei ihrem Praktikum im Jugendhaus Forchheim Jugendliche verschiedener Herkunft unter einen Hut bringen muss. Inzwischen geht Michaela nämlich zur Seni-Vita-Fachoberschule Ebermannstadt, will ihr Abitur machen und Sozialpädagogik studieren. Im Jugendhaus zum Beispiel hat sie mit Mädchen aus verschiedenen Ländern die Teestube renoviert und Jugendlichen beim Bewerbungsschreiben geholfen. Auch wenn es dabei manchmal Zoff gab, sagt Michaela: „Andere Kulturen haben andere Bräuche – und die kennenzulernen, ist spannend.“

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Tobias Konheiser: Absagen frustrieren

Hatte nach der Schule ein Jahr Leerlauf: Tobias Konheiser. Foto: Annika Peißker

Tobias Konheiser ist 18 Jahre alt, macht eine Lehre zum Fachlageristen und rappt in seiner Freizeit. Ein erfolgreicher junger Mann, der seinen Weg geht. Oder etwa nicht?

Heute ist er das – aber vor zwei Jahren sah die Welt für Tobias ganz anders aus. Nach dem Hauptschulabschluss hatte er keinen Bock auf Arbeit. „Ich wollte lieber zu Hause abhängen und dachte, arbeiten kann ich später“, erzählt er.

Dann kam er ins Kolping-Bildungszentrum Forchheim, um in einer „Überbrückungsmaßnahme“ auf eine Lehre vorbereitet zu werden: Bewerbungen schreiben, Praktika machen, an sich arbeiten. „Am Anfang gab es oft Stress, zum Beispiel weil ich ein Praktikum einfach abgebrochen habe.“

Heute weiß Tobias, dass ihm damals Selbstbewusstsein fehlte. „Aber es ist ein Scheiß-Gefühl, wenn du auf Bewerbungen immer nur Absagen bekommst“, sagt er. „Du glaubst, dass dir eh keiner eine Chance gibt.“ Irgendwann wurde der 18-Jährige auch wütend auf den Staat: „Zum Beispiel diese Ein-Euro-Jobs: Da arbeiten Leute körperlich schwer und bekommen viel zu wenig Geld. Wo ist da die Wertschätzung?“

Genau über diese Gefühle hat Tobias im Kolpingwerk mit Jo Jasper gesprochen. Und so ist der Song „Frust“ entstanden, in dem es um den Teufelskreis aus Bewerbungen und Absagen geht. Den Text hatte Tobias zu Hause geschrieben, als ihn mal wieder „alles angekotzt“ hat. Außerdem war er am Lied „Anzug und Sweatshirt“ beteiligt, in dem es um machthungrige Politiker und Manager geht.

Nach einem Jahr Leerlauf hat Tobias im September 2008 die Kurve gekriegt – auch weil seine Familie und die Freundin ihn angespornt haben. „Und irgendwann hat es mich genervt, den ganzen Tag nur Langeweile zu schieben.“

Heute ist Tobias glücklich mit seiner Ausbildung. Dank der Arbeit weiß er seine Freizeit mehr zu schätzen. Und er ist standhafter geworden: Die Lehre will er auf jeden Fall durchziehen. Auch die Lieder, die er unter dem Künstlernamen ToB macht, bleiben nun nicht mehr halbfertig in der Schublade liegen, sondern werden zu Ende komponiert.

Allen, denen es ähnlich geht, rät Tobias: „Scheißt auf Absagen, macht weiter! Irgendwann kommt eure Chance.“

ANNIKA PEISSKER

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