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Wir gehen der Frage nach, ob Tätowierungen bei Jugendlichen noch in sind
Der wuchtige Kerl mit Bart und Bikerkleidung trägt es genauso wie die zierliche Bedienung im Café oder der Geschäftsmann in Anzug und Krawatte: das Tattoo. Doch was halten Jugendliche von Tätowierungen? Sehnt sich überhaupt noch jemand nach einem Bild auf der Haut? Als (noch) untätowierter Neuling hat Lisa Sollfrank (19) sich auf die Spuren dieser Körperkunst begeben.
Mein erstes Ziel ist der Tattooladen von Frank Cullmann (37), Nürnbergs angesagtester Tätowierer. Als ich eintrete, werde ich sofort durchgewunken, um auf dem Tätowierstuhl Platz zu nehmen. Mein erster Gedanke: Die meisten Menschen sitzen hier nicht so entspannt wie ich!
Frank Cullmann erzählt mir, dass eigentlich gar nicht so viele Jugendliche zu ihm kommen. Etwa drei pro Woche seien es. Die Voraussetzung: „Ein Jugendlicher muss die geistige Reife besitzen, um die Veränderungen, die ein Tattoo mit sich bringt, einschätzen zu können.“ Deshalb gilt für den Tätowierer: „Je älter desto besser.“ Er behält sich auch das Recht vor, einen Kunden abzulehnen. Außerdem ist wachstumsbedingt nicht jede Stelle tätowierbar, etwa der Leisten- oder Bauchbereich.
Aber ist das Tattoo jetzt eine Modeerscheinung oder ein Dauerbrenner? „Es gibt Trends, wie derzeit Sterne oder chinesische Schriftzeichen. Aber immer mehr Leute lassen sich auch ihr eigenes Motiv entwerfen“, erzählt Frank Cullmann, der seit 16 Jahren tätowiert.
Blumen verschönern den Bauch
Christina P. (19), Schülerin aus Nürnberg, wollte „schon jahrelang ein Tattoo“ haben. Lange hat sie über diesen Schritt nachgedacht – und sich vor zwei Jahren dann getraut. Ein Tribal mit Blumen sollte es werden. Da Christina noch keine 18 war, mussten ihre Eltern ihr Einverständnis erklären. Die sagten erst locker „Überleg’s dir doch nochmal!“, gaben dann aber schnell ihr Okay.
Schon kurz danach verschönerte das Blumentribal Christinas rechte Bauchseite. Sie findet, dass „der Bauch der schönste Körperteil einer Frau ist“, deswegen kam nur diese Stelle für sie in Frage. Wichtig war ihr aber auch, dass man das Tattoo an dieser Stelle nicht sehen kann. „So bin ich beruflich nicht eingeschränkt.“
Christina bereut ihre Tätowierung nicht. Ganz im Gegenteil: Inzwischen hat sie sich ihr Motiv sogar vergrößern lassen. Ihrer Meinung nach ist „das Tattoo schon zum Trend geworden“. Vor allem in ihrem Umfeld sprächen immer mehr Jugendliche über Tattoos und ließen sich schließlich auch eines stechen.
Einen Haken hat die Sache aber doch: Häufig kommt es vor, dass Arbeitgeber nur untätowierte, ungepiercte Angestellte wollen. Nikol Hoppenz kann davon ein Lied singen. Sie ist die Geschäftsführerin von Clean Skin, einem Nürnberger Studio, das Tätowierungen entfernt. Sie berichtet mir von einer Kundin, von der verlangt wurde, dass sie ihr relativ neues Tattoo am Arm entfernen lassen müsse – ansonsten bekomme sie den Ausbildungsplatz nicht.
Wie aber funktioniert diese Tattoo-Entfernung? Ich will es genau wissen und besuche Nikol Hoppenz. Anfangs habe ich Horrorvorstellung von riesigen Narbengebilden, wie sie im Fernsehen bei Tattoo-Entfernungen gezeigt werden, vor Augen. Aber es ist ganz anders. Nikol Hoppenz selbst hat ihr Tattoo an einer kleinen Stelle entfernt, um „mit den Kunden mitleiden zu können und zu wissen, wie sich das anfühlt“. Ich bin völlig verblüfft von dem Ergebnis: Man sieht nichts, die Haut ist wie neu und völlig farbfrei. Das Tattoo hört an der Stelle auf, wie wegradiert.
"Es kommt immer darauf an, wie viel Farbe in der Haut steckt, wie diese gemischt ist und wie groß das Tattoo ist“, erklärt mir die weiß gekleidete Geschäftsführerin. Bei einem schwarzen Tattoo in Faustgröße sind sechs bis zehn Sitzung, bei einem Profi-Tattoo rund zwölf Sitzungen nötig. Jede Behandlung dauert 30 Minuten. Der Laser, den Clean Skin verwendet, zersprengt die Farbpigmente unter der Haut, die dann durch das Lymphsystem weggespült werden.
Tattoo-Entfernung ist teuer
Das Ganze ist allerdings nicht billig: Im Durchschnitt kosten zehn Quadratzentimeter zwischen 80 und 100 Euro pro Behandlung. Auch die Schmerzen sind nicht außer Acht zu lassen. Als Vergleich nennt Nikol Hoppenz „einen Haargummi, der immer wieder auf die gleiche Stelle geschnalzt wird“. Jugendliche unter 16 müssen mit ihren Eltern zum Beratungsgespräch erscheinen.
René H. (37) hat das alles schon mitgemacht. Er hatte sich fast das komplette Bein tätowieren lassen, doch trotz Vorlagen entsprach das Ergebnis nicht seinen Vorstellungen. René brach das Tätowieren ab. Inzwischen hat er fast 800 Euro in die Entfernung gesteckt und ist „mit dem Ergebnis sehr zufrieden“.
Das Fazit meiner „Erkundungstour“: Auch wenn es einen Weg zurück gibt, sollte man sich genau überlegen, ob man dieses Tattoo ein Leben lang auf seiner Haut tragen möchte. Wer sich als Jugendlicher tätowieren lässt, sollte es aus eigener Überzeugung tun – und nicht, weil alle es schick finden.
LISA SOLLFRANK
Siehe als Reaktion auch unten stehenden Kommentar von Michael Sticherling, Professor an der Hautklinik des Universitätsklinikums Erlangen, sowie Kollegen
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