„Wer sich nicht zudröhnt, hat mehr vom Leben“ PDF Drucken

Das tätowierte Kreuz ist das Erkennungszeichen der Edger. Foto: Kai KappesAnhänger der Bewegung „Straight Edge“ halten sich strikt von Alkohol, Nikotin und anderen Drogen fern

Sie hören Punk-, Metal- oder Hardcore-Musik und tragen meist schwarze Kleidung, Tätowierungen und Piercings – und sie gehen den unbedröhnten Weg: Kein Alkohol. Keine Drogen. Keine Zigaretten. Kein Sex mit wechselnden Partnern. Das sind die Prinzipien der Bewegung „Straight Edge“. Wir sprachen mit zwei Edgern aus der Region.

 
„Ich habe Sonnenaufgänge bekifft, betrunken und nüchtern erlebt. Nüchtern waren sie eindeutig am schönsten“, sagt Tom und lächelt. Er ist Anhänger der „Straight Edge“-Bewegung und bekennt sich zu einem absolut suchtmittelfreien Lebensstil.
Seinen Ursprung hat Straight Edge, abgekürzt sXe, in der amerikanischen Musikszene der 80er Jahre. US-Bands wie Minor Threat hatten genug von den selbstzerstörerischen Verhaltensweisen in der Punkszene. Sie sahen keinen Sinn in der Einnahme von Drogen und Alkohol und machten das zum Thema ihrer Lieder.
So sang Ian Mac Kaye von Minor Threat im Lied „Straight Edge“:
I'm a person just like you
But I've got better things to do
Than sit around and fuck my head
Hang out with the living dead
Snort white shit up my nose
Pass out at the shows
I don't even think about speed
That's something I just don't need
I've got the straight edge
Der Song gab der Bewegung ihren Namen, der soviel bedeutet wie „unbedröhnter Weg“. Viele Fans sahen keinen Sinn mehr in der Sucht nach Rauschmitteln, Alkohol, Nikotin und schnellen sexuellen Abenteuern. Sie stellten den Wunsch nach Selbstkontrolle über Geist und Körper in den Mittelpunkt ihres Lebens.
 

Auch wenn Straight Edge ursprünglich aus der Punkszene kommt, breitete er sich schnell im Bereich von Hardcore und Metal aus. In Deutschland feiert Straight Edge seit Jahren ein Revival. Deutsche Bands wie Maroon, Heaven Shall Burn oder Rejected Youth bekennen sich zu dieser Szene.
Da wundert es nicht, dass sogar Rapper wie der Kieler Albino den straighten Weg gewählt haben. Je mehr Anhänger Straight Edge in den USA und Europa findet, desto vielfältiger werden nicht nur die Musikstile, sondern auch die Ansichten. So wird in Internetforen wie „poisonfree.com“ oder „sXe.com“ heftig über die einzelnen Grundsätze debattiert.
Manche beharren darauf, dass auch der Genuss von Kaffee und Medikamenten strikt vermieden werden sollte. Andere knüpfen den Straight-Edge-Gedanken stärker an die Musikszene oder an eine vegetarische oder gar vegane Lebensführung.
Auch die Frage nach Sex mit wechselnden Partnern ist strittig. Die Hardliner heißen Sex nur zur Fortpflanzung gut oder leben gar ganz enthaltsam.
 

Auch Student Marc hat sich für das Motto „Weniger Dröhnung ist mehr Leben“ entschieden. Er sitzt in einem Bamberger Café vor einem Chai Latte mit Sojamilch, auf seinem T-Shirt steht „Vegan Revolution“.
Der 33-Jährige spricht viel mit den Händen, redet von der Philosophie veganer Lebensführung und Kleidung aus Biobaumwolle. Man hört Marc gerne zu, wenn er Pläne für eine bessere Zukunft entwirft. Er ist überzeugter Veganer, Tierrechtler und lebt straight edge.
Die Ideale von sXe möchte er anderen vorleben, sie aber nicht missionieren, denn Straight Edge ist für ihn eine ganz persönliche Lebenseinstellung. „Es bedeutet, sich Gedanken zu machen über das Leben und die Welt, anstatt sich in Alkohol und Drogen zu flüchten. Es ist die Suche nach einer Antwort auf die Frage: Wie kann ich mein Leben besser machen?“
 

Um diesem „straighten“ Lebensgefühl Ausdruck zu verleihen, tragen viele Edger ein schwarzes X auf dem Handrücken. Auch der ehemalige Erlanger Student und sXe-Anhänger Tom hat darüber nachgedacht, sich drei X zu tätowieren und sich dadurch auch äußerlich zur Szene zu bekennen.
Ursprünglich war das X ein Erkennungszeichen amerikanischer Minderjähriger auf Punkkonzerten der 80er Jahre. Sie bekamen den Buchstaben vom Türsteher aufgemalt, um sicherzustellen, dass an sie kein Alkohol ausgeschenkt wird.
Minor Threat griffen diese Idee auf, zeigten sich fortan mit aufgemalten X-Zeichen auf Konzerten. So wurde der Buchstabe zum Symbol für die Straight-Edge-Bewegung.
 

Auch Tom lebt ohne Suchtmittel und ernährt sich vegetarisch. Der 30-Jährige hat an seinem 18. Geburtstag zum letzten Mal Alkohol getrunken – und vermisst ihn nicht.
„Ich zwinge mir da nichts auf. Ich habe einfach keine Lust auf Alkohol und Drogen. Wenn ich das Bedürfnis hätte, ein Bier zu trinken, würde ich es auch tun“, betont der Medienwissenschaftler.
Seine Freundin trinkt manchmal ein Glas Rotwein, sie findet die Lebensweise von Tom gut. Für sie wäre Straight Edge dennoch nichts: „Ich kann mich nicht mit der Bewegung identifizieren, dazu fehlen mir die musikalischen Vorbilder. Da ich sowieso nicht rauche und sehr wenig trinke, sehe ich keinen Sinn darin, mir ab und zu einen Schluck Wein vorzuenthalten.“
Tom hat kein Problem, dass seine 30-jährige Freundin nicht straight lebt. In seinem Freundes- und Bekanntenkreis ist er sowieso der einzige Edger. Er sieht sXe als etwas, das er nur für sich selbst tut und nicht für andere.
Bekannte, die über einen Kater klagen, müssen sich von ihm dennoch den einen oder anderen Spruch gefallen lassen. Tom ist froh, dass er sich für ein Leben ohne Suchtmittel entschieden hat: „Für Gejammer nach Alkoholexzessen habe ich keinerlei Verständnis.“

KAI KAPPES

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