| Ich bin anders — oder auch nicht? |
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Ein einziges Chromosom in der winzigen Zelle macht den Unterschied: Es stört die Balance der Gene – und wirbelt in der körperlichen und geistigen Entwicklung vieles durcheinander. Der bekannteste Unruhestifter ist das Chromosom Nr. 21: Durch einen Fehler bei der Zellteilung ist es drei- statt zweimal in jeder Zelle vorhanden. Ein Mensch mit dreifachem Chromosom 21 kommt mit „Trisomie 21“, dem „Down-Syndrom“ auf die Welt. So wie Michaela Schatz aus Adelsdorf. Die 17-Jährige weiß, dass ihr Unruhestifter-Chromosom sie zu einem besonderen Menschen macht. Und sie findet: Für besondere Menschen muss es normal sein dazuzugehören.
Behindert! Michaela mag dieses Wort nicht. Vor allem nicht, wenn Leute es als Schimpfwort benutzen. „Das klingt nur doof“, sagt sie. Manchmal stockt sie beim Sprechen, denkt angestrengt, sucht nach dem richtigen Ausdruck, fummelt an ihrer Jeans. Michaela weiß, dass man ihr in solchen Situationen anmerkt, dass sie anders ist als andere Mädchen. Aber sie hat gelernt, selbstbewusst mit ihrem Handicap umzugehen. „Ich fühle mich wohl, wie ich bin. Ich habe nun mal das Down-Syndrom. Aber ich bin ich. Und wenn ich zum Beispiel meine Brille aufhabe, sehen meine Augen doch aus, wie Augen eben aussehen.“ Alle drei Minuten wird ein Baby mit Down-Syndrom geboren – in Deutschland rund 1000 Kinder pro Jahr. Weltweit leben aktuell etwa fünf Millionen Menschen mit Down-Syndrom (DS). „Wir haben Glück“, sagt Michaelas Mutter Carlota Schatz. Damit meint sie, dass Michaela beispielsweise neun Jahre lang in Adelsdorf die reguläre Volksschule besuchen konnte. „Das hat uns einige Kämpfe und Tränen gekostet.“ Michaela hat sich durchgekämpft. „Ich bin etwas langsam und habe dann einfachere Aufgaben bekommen.“ Eine Schulhelferin hat sie stundenweise im Unterricht unterstützt. Michaelas Lieblingsfach ist Geschichte – weil es sie interessiert, was auf der Welt passiert. Eher auf den hinteren Plätzen rangiert Mathe. „Obwohl ich’s vom Kopf her ganz gut kann. Und es ist ja auch wichtig.“ Der Unterricht war gar nicht das Problem: Bei Vokabeltests in Englisch war Michaela manchmal Klassenbeste, auch Referate hat sie vor der ganzen Klasse gehalten. Dabei hat die 17-Jährige Hobbys und Interessen wie andere Mädels: In ihrem Zimmer hängen Poster von Miley Cyrus und Vanessa Hudgens, sie guckt Videos auf Youtube, sie tanzt in zwei Gruppen Bollywood und Bauchtanz und geht von ihrem Taschengeld shoppen und ins Kino. Michaela hat aber auch gelernt, dass es in ihrem Leben Grenzen gibt, die in manchen Bereichen enger verlaufen, als bei anderen Jugendlichen. Nächsten Monat wird sie 18. Natürlich plant sie eine Party – mit ihren engsten Freundinnen und mit Schwester Monika (20). 18 und Auto fahren: Für viele Jugendliche heißt diese Kombination Freiheit. Michaela fährt Fahrrad. Und ist stolz, dass sie schon alleine mit dem Zug nach Nürnberg und dort mit der U-Bahn unterwegs war. Ob sie auch mal den Führerschein probieren kann? Mama Carlota zuckt mit den Schultern. Inzwischen geht Michaela in die 11. Klasse. Noch bis nächstes Jahr besucht sie die Berufsschulstufe des Förderzentrums in Herzogenaurach. Der Wechsel auf diese sonderpädagogische Schule fiel ihr nach neun Jahren auf der normalen Volksschule nicht leicht. „Manche Schüler dort sind im Rollstuhl, manche gehen auf Krücken, in meiner Klasse ist auch ein Autist. Die meisten sind schon sehr anders als ich.“ Michaela kämpft auch hier. Gerade hat sie sich für ein langes Praktikum qualifiziert – auch keine Selbstverständlichkeit. Jeden Morgen setzt sie sich in Adelsdorf in den Bus und fährt zu ihrer Praktikumsstelle im Landratsamt in Erlangen. Dort hilft sie im Büro: kopieren, Päckchen packen, Adressen abtippen, kleine Briefe schreiben. „Irgendwas im Büro oder in der Hauswirtschaft“ würde die 17-Jährige gerne arbeiten. Mit etwas Glück bekommt sie nach der Schule sogar einen „richtigen“ Ausbildungsplatz. Dann hätte sie geschafft, was sie sich am meisten wünscht: dazuzugehören. Und dann könnte Michaela auch endlich abhaken, was ihr auf der Förderschule in der Pause passierte: „‘Äh, wie sieht die denn aus? Die ist ja behindert!‘ haben ein paar Kleinere gesagt, als ich vorbei lief. Das ist doch komisch auf so einer Schule, oder?“ KRISTINA BANASCH
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