Mit schweißnassen Händen zum Tanzkurs PDF Drucken

„Tanzen gehört zur Allgemeinbildung“: So wie Laura Gölle und Alex Hawajri aus Nürnberg belegen derzeit viele Jugendliche einen Standardtanzkurs. Foto: Katharina FlassakJugendliche finden Standardtanzen wieder cool

 

Wie-ge, cha-cha-cha, die Hand geht hoch und Dre-hung: Standardtanzen steht bei Jugendlichen wieder hoch im Kurs. Was früher noch als absolut spießig galt, ist heute zur coolen Freizeitbeschäftigung geworden. Auch Inge Braun (15) geht seit einem Jahr in eine Tanzschule und spürt dem Trend nach.

 

Es ist Freitagabend. Zusammen mit meiner Freundin Franzi stehe ich vor dieser großen Holztür. Meine Hände sind schweißnass, mir ist ein wenig mulmig zumute. Mit uns warten etwa 20 Mädchen und Jungs. Gleich soll sie losgehen: unsere erste Tanzstunde.

Nach etwa einer Viertelstunde öffnet sich die Tür, und die Schüler des vorangegangenen Kurses kommen aus dem kleinen, stickigen Raum. Auch sie sind um die 16 Jahre alt.

Kaum haben wir Neuen den Tanzsaal erobert, bilden sich kleine Grüppchen – streng nach Geschlechtern getrennt. Als Tanzlehrer Vonda auftaucht und munter die Teilnehmerliste durchgeht, entspannt sich die Stimmung. Doch dann der Schock: Er fordert uns auf, Pärchen zu bilden. Eine peinliche Stille entsteht.

Also muss Vonda selbst Hand anlegen. Wahllos schnappt er sich immer ein Mädchen und einen Jungen und stellt sie als Paar aufs Parkett. „So, jetzt kann’s losgehen!“

Viele Jugendliche in meinem Alter machen im Moment so einen Grundkurs, auch A(nfänger)-Kurs genannt. Darin lernt man die Grundschritte und einfache Figuren der wichtigsten Standardtänze, von Wiener Walzer bis Foxtrott. Wer weitermacht, kann sich bis hoch zum Goldkurs tanzen. Dabei werden die Figuren immer komplizierter.

Aber warum opfern viele Jugendliche ihre Freizeit für solche Kurse? „Ich habe es als Chance gesehen, nette Leute kennenzulernen“, berichtet Michael Johnson (16), der wie ich zur Tanzschule Schlegl in Nürnberg geht. Julia Seitz (15) denkt schon einen Schritt weiter: „Was wir hier lernen, kann man später mal auf Hochzeiten und Schulbällen gebrauchen. Zählt sozusagen zur Allgemeinbildung.“

Zurück zu unserer ersten Tanzstunde: Bevor es richtig losgeht, erläutert uns der Tanzlehrer einige Verhaltensregeln: „Schaut beim Tanzen nicht ständig auf eure Füße, das verwirrt sowohl euren Partner als auch euch selbst.“ Und: „Die erste Aufforderung lehnt man nie ab, erst nach ein bis zwei Tänzen kann man sich aufs Klo verdrücken, wenn einem der Tanzpartner nicht gefällt.“

Solche und andere Benimmregeln kann man übrigens auch an Tanzschulen lernen, in speziellen Kniggekursen. Christian Götsch vom Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverband (kurz ADTV) sagt: „Schon seit längerem besteht eine größere Nachfrage durch Jugendliche – nach Standardtanz- und nach Benimmkursen.“

Auch Frank Stude von der Tanzschule Stude mit Studios in Roth und Weißenburg bestätigt das: „Bei uns gibt es immer ein großes Interesse an Jugend-Tanzkursen.“ Genauso ist es auch im Tanzstudio Schlegl, wo die Tanzkurse immer voll belegt sind. Tanzlehrer Christian von der Grün alias Vonda kritisiert jedoch: „Uns fehlen Jungs! Es melden sich immer viel mehr Mädchen zu solchen Kursen an.“

Alex Hawajri ist eine dieser Ausnahmeerscheinungen. Er hat mit dem Tanzen begonnen, weil ihn eine Freundin dazu aufforderte. „Es macht riesig Spaß, ich kann es jedem weiterempfehlen“, schwärmt der 16-Jährige.

Den Spaß haben wir Neulinge im A-Kurs auch schnell empfunden. Los geht es mit dem „Bierkastenschritt“ des Walzers. Unsere Schritte sollen dabei ein Viereck bilden. Nach einem kurzen „Trockentraining“ allein wird als Paar getanzt. Einige Mädels müssen erst lernen, dem Jungen das Führen zu überlassen. Die Jungs dagegen konzentrieren sich stark auf die Musik, um im Takt zu bleiben.

Damit ist der Anfang gemacht, es folgt erstmal eine Pause. In der wird hemmungslos gelästert. Bei den Mädchen hört sich das etwa so an: „Hast du schon mit dem im blauen Hemd getanzt? Der kann’s ja gar nicht! Außerdem hat der voll die Schweißhände!“ Oder: „Der Junge mit den langen Haaren, der tanzt ja sooo gut!“

Schweißhände und schweigende Typen stören meine Freundin Franziska (16) und mich auch heute noch. Trotzdem beginnen wir jetzt gemeinsam den Bronze-Kurs. Schließlich sind die meisten unserer Mittänzer total nett.

Linda Freimann ist schon einen großen Schritt weiter als wir. Sie hat vor Jahren zusammen mit Freunden einen A-Kurs belegt. Heute tanzt die fast 18-Jährige mit ihrem Partner schon im höchsten Kurs, den es überhaupt gibt: den Goldstar Rang 7. „Meine Kurse habe ich mir zum Teil mit Bardiensten in der Tanzschule finanziert. Auch wenn meine Freunde schon lange ausgestiegen sind, habe ich echt viel Freude am Tanzen.“

Na, habt ihr jezt auch Lust bekommen? Dann probiert’s doch selber mal aus! Am Anfang ist es zwar eine komplett neue Erfahrung, sich mit einem Partner zusammen zur Musik zu bewegen. Aber es kann auch eine große Leidenschaft daraus werden.

INGE BRAUN

***

Extra-Info: Und hier noch ein paar Tips, wie ihr die "richtige" Tanzschule findet:

- Erkundigt euch übers Internet oder per Telefon, ob ihr an einer kostenlosen Schnupperstunde teilnehmen könnt.

- Viele Tanzschulen bieten extra Kurse für Jugendliche. Fragt nach, ob das auch bei der von euch favorisierten Tanzschule so ist. Denn mit Gleichaltrigen zu tanzen, macht definitiv viel mehr Spaß.

- Verfolgt eure zukünftige Tanzschule bei Wettbewerben, Vorführungen und Auftritten bei Veranstaltungen. So könnt ihr herausfinden, auf welchem Niveau dort getanzt wird.

- Ihr könnt auch einfach mal direkt in der Tanzschule vorbeischauen. In den meisten Einrichtungen finden nämlich über den ganzen Tag verteilt Kurse statt. Das heißt: Es ist fast immer jemand da, so dass ihr euch mit den Tanzlehrern oder den Schülern unterhalten und die Atmosphäre und das Ambiente hautnahe erleben könnt. Das ist immer noch die beste Möglichkeit, sich selbst ein Bild zu machen.

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