Die Spiele-Profis PDF Drucken

Im Jugendhaus Geiza lernen Jugendliche von Jugendlichen, worin sich Xbox, PS3 und Wii unterscheiden. Foto: Stefan Hippel

Die Nürnberger "Südstadtkids" verhelfen euch zum Gamer-Führerschein 

1972 wurde die erste Videospielkonsole der Welt verkauft. Wisst ihr, welche das war? Die Nürnberger Südstadtkids könnten euch die Frage im Schlaf beantworten. Die Jungs und Mädels haben nämlich den „Gamer-Führerschein“ abgelegt. Jetzt sind sie nicht nur absolut fit im Bedienen der verschiedenen Konsolen, sondern haben auch echtes Expertenwissen in Sachen Video- und Computerspiele. Das geben sie in Kursen an andere Jugendliche weiter.

Donnerstagabend, 20 Uhr, Jugendhaus Geiza in Nürnberg-Langwasser: Arun steht an der Flipchart. Die Unterrichtseinheit „Xbox 360“ steht auf dem Programm. Seine Schüler Arie, Vanessa, Sabine, Luba und Daniel lümmeln auf Sofas um ihn herum. Die fünf Jugendlichen sind alle Fans von Videospielen und mehr oder weniger Profis an den Controllern.

In einem rund zehnstündigen Kurs, den die beiden Südstadtkids Caner Türk (14) und Arun Puvanendran (21) unter den wachsamen Augen und Ohren ihres Betreuers Heiko Thurner an mehreren Abenden im Geiza abhalten, wollen sie sich zu Experten für Xbox, Playstation und Wii schulen lassen.

Prüfung wie beim Führerschein

Die Idee für den Gamerführerschein und die Kursinhalte haben die Südstadtkids zusammen mit dem Nürnberger Videospielfachgeschäft Konsolierie entwickelt. Dazu hieß es für die aktuell 13 aktiven Südstadtkids erstmal büffeln: Denn bevor sie andere Jugendliche in Sachen Videospiele unterrichten können, mussten sie sich das Wissen selbst aneignen.Und am Ende natürlich eine Prüfung ablegen: Nach zehn Stunden Unterricht und einem Test mit Praxis- und Theorieteil konnten sie ihren „Gamer-Führerschein“ dann endlich in den Händen halten.

Wie funktioniert der Controller für die Xbox 360? Wo muss ich den anschließen? Und wozu brauche ich den eigentlich? Solche Fragen gehören zum Stoff im Gamer-Kurs. Arun erklärt seinen Schülern, wie die Batterien in den Controller eingelegt werden und wie man ihn mit der Xbox synchronisiert.

Welche Konsole für was?

Wichtiges Thema sind auch die unterschiedlichen Funktionen der Konsolen: So hat die Xbox 360 beispielsweise kein Blu-Ray-Laufwerk, und wenn man mit der Konsole ins Internet will, muss man sich gegen Gebühr extra einen Account freischalten lassen. Dafür ist das Genre Rollenspiel bei den Xbox-Spielen stark vertreten, während es bei Playstation und Wii nur wenige passende Spiele gibt. „Die Hersteller peilen mit ihrer Konsole immer eine Zielgruppe an“, erklärt Arun. „Deshalb muss man auch wissen, welche Titel für welches Gerät exklusiv sind, wenn man sich eine bestimmte Konsole kaufen will.“

Der Controller einer Wii ist bewegungsempfindlich. Deshalb eignet sich die Wii vor allem für Sport-Spiele. Foto: colourboxAls nächstes soll Arie die Xbox abbauen und die Wii aufbauen. Hört sich leichter an als es ist, muss der 17-Jährige feststellen. Beim Aufbau der Wii lernt er vom Experten Caner, dass es ganz wichtig ist, den Sensor richtig anzuschließen und zu platzieren. Denn die Wii hat im Gegensatz zu den anderen Konsolen eine bewegungsempfindliche Fernbedienung, mit der sie per Infrarot kommuniziert. „Bei der Wii ist es wichtig, dass ihr den Controller immer mit der Schlaufe am Handgelenk festgurtet“, warnt Caner. „Sonst fliegt die beim Boxen oder Tennisspielen durch die Gegend. So sollen sich schon Leute die Nase gebrochen haben.“

Doch nicht nur um die Anwendung geht’s im Kurs, sondern auch ums Erkennen und Bewerten des eigenen Spielverhaltens. Dafür haben die Südstadtkids einen Kriterienkatalog ausgearbeitet, mit dem jeder seine Lieblingsspiele in Genres wie Sportspiel, Action-Adventure oder Ego-Shooter einordnen und nach Punkten wie Spielspaß, Schwierigkeitsgrad und Bedenklichkeit bewerten kann. Und die Jugendlichen werden im Kurs angehalten, darüber nachzudenken, wie oft und wie lange sie spielen und wie viel Geld sie für ihr Hobby ausgeben. „Wir wollen die Jugendlichen anregen, sich Gedanken über ihre Spielermentalität zu machen“, erklärt Südstadtkids-Betreuer Heiko Thurner.

Sinnlose Zerfetz-Spiele

Durch den Kurs sollen die Jungs und Mädchen lernen, ein Spiel einzuschätzen. „Die stellen dann von allein fest, wenn ein Spiel zu weit geht“, ist die Erfahrung von Sarah Aliyan, Erzieherin im Geiza. „Da kann die Grafik toll sein, aber sie merken, dass ein Spiel total sinnlos ist, wenn dauernd Leute zerfetzt werden.“

Ein Kurs, in dem die Jugendlichen auf pädagogisch-wertvolles Videospielen gedrillt werden, soll der Gamer-Führerschein aber nicht sein. „Die Idee ist, dass jetzt etwa diese fünf Jugendlichen aus dem Geiza eine Art Guide für andere Kinder und Jugendliche sind“, erklärt Heiko Thurner. „Sie können beim Umgang helfen oder erklären, warum ein Spiel eine bestimmte Altersfreigabe hat.“

Auch die Eltern haben die Südstadtkids im Visier: Bei Infoabenden möchten sie auch die Erwachsenen schulen – und dabei demonstrieren, dass Eltern-Regeln manchmal ziemlicher Quatsch sind. „Wenn allein das Intro eines Spiels 20 Minuten dauert und ich es nicht skippen kann, ist es wenig sinnvoll, mein Kind nur eine halbe Stunde spielen zu lassen“, gibt Heiko Thurner ein Beispiel für Nachhilfepotenzial bei so manchen Eltern.

KRISTINA BANASCH

P.S. Die erste Videospielkonsole hieß übrigens Magnavox Odyssey. Sie basierte nicht wie heutige Konsolen auf Mikroprozessoren, sondern war eher eine Ansammlung von ein paar elektrischen Schaltkreisen, mit der sich als Spielgrafik kaum mehr als weiße Punkte erzeugen ließen.

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