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„Du brauchst Muskelkraft, Koordination und Flexibilität“: Jeannine Wilkerling ist mehrfache Deutsche Meisterin im Stangentanz Foto: Daniel Karmann (dpa).Die Erlanger Wissenschaftlerin Jeannine Wilkerling beherrscht den Stangentanz

Pulli, Jeans, Brille, eher zierlich, die blonden Haare zum Pferdeschwanz gebunden – auf den ersten Blick wirkt Jeannine Wilkerling wie eine von Hunderten anderer Studentinnen an der Technischen Fakultät in Erlangen. Jeannine hatte mit Physik angefangen, ist nach einem Semester auf Mineralogie umgestiegen und hat Anfang des Jahres Diplom gemacht. Doch die 28-Jährige hat noch einiges mehr drauf...

Inzwischen hat Jeannine eine Promotionsstelle am Lehrstuhl für Werkstoffwissenschaften (Glas und Keramik, Leitung: Prof. Peter Greil). In der Arbeitsgruppe von Prof. Lothar Wondraczek erforscht sie die Beschichtung von Glasoberflächen. Soweit der wissenschaftliche Teil. Bemerkenswert an Jeannine ist die Tatsache, dass sie dreimal Deutsche Meisterin, 3. bei den Europameisterschaften und 9. bei den Weltmeisterschaften in ihrer Sportart geworden ist. Und am außergewöhnlichsten ist die Sportart, die Jeannine betreibt: Pole-Dance, auf Deutsch: Stangentanz. Ein Gespräch mit der sportlichen Doktorandin:

Jeannine, beim Wort Stangentanz und vor allem, wenn man die Bilder von dir beim Wettkampf sieht, drängt sich sofort die Assoziation zum...Jeannine: Stopp, halt, sag’ es nicht! Das Wort macht mich wütend. Und vor allem nervt mich das Klischee vom Rotlichtmilieu, das damit verbunden ist. Damit hat Pole-Dance absolut nichts zu tun.

Sondern? Erklär es uns!
Jeannine: Das einzige, was wir mit denen gemeinsam haben, ist die Stange. Sonst nichts. Was wir machen, ist reiner Sport, harter Leistungssport. Da ist nichts, aber auch gar nichts Erotisches dran.

Aber es sieht gut aus.
Jeannine: Das soll es ja auch. Ziel ist immer, eine schöne Form vorzuführen, die gut aussieht. Pole-Dance ist eine Mischung aus Turnen, Ballett und Akrobatik, und da steht die Körperbeherrschung ganz im Vordergrund. Du brauchst Muskelkraft, du brauchst Koordination und du brauchst Flexibilität, und das sind die drei Komponenten, die wir immer wieder trainieren.

Wie ist Pole-Dance eigentlich entstanden?
Jeannine: Der Stangentanz stammt aus den USA und Australien und ursprünglich, also vor zehn bis 15 Jahren, waren es tatsächlich Erotiktänzerinnen, die sich mit einem speziellen Training verbessern wollten. Dann hat sich das Ganze sehr schnell verselbstständigt und ist zu einer eigenständigen Sportart geworden. Dabei sind vor allem viele Elemente aus dem chinesischen Zirkus mit eingeflossen, wo die Stangenakrobatik eine sehr lange Tradition hat.

Und wie bist du auf diese Sportart gekommen?
Jeannine:  Ich habe 2005 im Fernsehen einen Bericht über Sabrina Pankow gesehen, die damals einzige Pole-Dancerin in Deutschland. Die hat mich total fasziniert, und ich wusste sofort: Das will ich auch machen. Und weil es damals keine andere Möglichkeit gab, in Deutschland Pole-Dance zu lernen, bin ich zu Sabrina nach Hamburg gefahren und habe mir einiges zeigen lassen. Und seitdem mache ich es.

Inzwischen hat sich die Situation geändert. Es gibt 19 Pole-Dance-Schulen in Deutschland, und du hast selbst so eine Schule in Nürnberg. Was sind das für Mädels, die bei dir Pole-Dance lernen?
Jeannine:  Ich habe im Moment 15 Schülerinnen, die sind im Alter zwischen 9 und 55. Und am Wochenende finden verschiedene Workshops für jeden statt. Wer Pole-Dance macht, muss viel Spaß haben an einem harten Training, das den gesamten Körper beansprucht – aber auch total fit hält.

Was würdest du sagen, wenn eine Tänzerin aus dem Rotlichtmilieu zu dir in die Schule käme?

Jeannine: Danach frage ich nicht. Wer zu mir kommt, will sich leistungsmäßig verbessern, und das ist absolut ok. Übrigens werde ich am 24. und 25. Juli in meiner Tanzschule die ersten Bayerischen Meisterschaften im Pole-Dance veranstalten. Da habe ich bisher schon mehr als 20 Anmeldungen. 

 

Letzte Frage: Wenn dich die weit verbreitete Assoziation zur Erotikecke so nervt, warum machst du dann Stangentanz immer noch?
Jeannine: Weil ich absolut von diesem Sport überzeugt bin. Und weil ich sicher bin, dass wir irgendwann komplett weg sind vom Schmuddelimage. Vor ein paar Jahren noch hätte ich gedacht, das sei aussichtslos. Aber inzwischen sind wir ganz nah dran.

Interview:  LOTHAR HOJA

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