Ein guter Sprung rettet den Tag PDF Drucken

Einen echten Skateboarder erkennt man daran, dass er seinen Sport lebt, ihn rund um die Uhr denkt, fühlt und atmet. Foto: Christopher MadererSkateboarden ist mehr als ein Hobby: Ein Insider berichtet über die Szene

Auf der Straße kann man mehr lernen als in der Schule und fast so viel wie in der Uni. Das findet zumindest Paco Graves. Er fährt seit mehr als zehn Jahren Skateboard und weiß, dass hinter den bunten Brettern mehr steckt als nur ein Hobby. Hier geben wir euch einen Einblick in die Skate-Szene.

Wobei, von der Skate-Szene kann man eigentlich gar nicht mehr sprechen. Die Zeiten, in denen man sich grüßte, weil man Skateschuhe oder eine bestimmte Klamottenmarke trug, sind vorbei. Heute ist das wichtigste für einen Skateboarder einfach das Skaten an sich. Ein vielseitiges Trickrepertoire, ein guter Stil auf dem Board und ein offenes Herz sind wichtiger als teure Klamotten und trendiges Auftreten.

Einen „echten“ Skateboarder erkennt man an der Zeit und der Energie, die er in sein Hobby steckt. An den blauen Flecken und dem zufriedenen Lächeln nach einer guten Session. An den großen Augen, die er bekommt, wenn er glatten Asphalt oder ein paar Treppen sieht, die er fahren könnte.
Ein Skater denkt, fühlt und atmet Skateboarding rund um die Uhr. Er sieht die Welt mit anderen Augen. Für die meisten Menschen ist eine Parkbank eine Sitzgelegenheit. Für einen Skateboarder ist sie ein Platz, an dem er stundenlang Spaß haben kann – alleine, mit Freunden oder gar mit Fremden.

Ein Lehrer als Vorreiter

Ursprünglich kommt die Skate-Kultur aus den USA. In den 1960er Jahren begannen Surfer dort mit dem „Wellenreiten auf der Straße“. Dass das Skaten auch in Deutschland und Europa Anhänger fand, dafür sorgte Titus Dittmann in den 1970ern. Er skatete leidenschaftlich gern, war von Beruf aber Lehrer in Münster. Eines Tages beobachteten ihn seine Schüler beim Skaten – und waren sofort begeistert. Also rief Titus Dittmann eine Skateboard-AG ins Leben.

Seit damals hat sich in der Skate-Szene unheimlich viel verändert. So schafft sie es, immer aktuell und innovativ zu sein. Skater sind Trendsetter – zum Beispiel bei der Mode. Baggy-Pants und Beanie-Mützen kamen aus der Subkultur. Auch die Trucker-Cap oder die Rückkehr des Flanellhemds verdanken wir den Skatern. Sie brauchten eben ein günstiges, vielseitiges Kleidungsstück, mit dem man im Notfall auch mal eine Rampe trockenwischen kann.

Skater wollen auffallen, einzigartig sein. Vor allem die Profis in dem Sport versuchen, sich als Marke zu etablieren. Das geht am besten über einen eigenen Fahrstil. Aber auch neonfarbene Klamotten helfen dabei, sich von der Masse abzusetzen – ebenso wie individuelle Boards. Dazu werden die Decks mit kunstvollen Grafiken bedruckt. Man findet Totenköpfe, Tattoo-Motive, Comics – immer verbunden mit dem Logo des Herstellers. Gern werden eigentliche Kinderthemen verfremdet, ein blutiger SpongeBob etwa oder Ernie und Bert als Straßengangster.

In eine ganz andere Richtung gehen Designer, die sich Graffitimotiven und -schriften bedienen. Schließlich sind die Sprayer- und die Skater-Szene eng verbunden. Seit gut 30 Jahren erschaffen Künstler wie Sean Cliver oder Jim Phillips Board-Motive. Letzterer hat sogar für Jimi Hendrix gearbeitet und mit Screaming Hand – eine Hand, aus der heraus ein schmerzverzerrter Mund aufschreit – eine Ikone des Skateboardings geschaffen.

Auch Fotografieren ist Teil der Skate-Kultur: Denn mit momentaufnahmen aus einem Sprung kann man die Athletik des Sports prima in Szene setzen. Foto: Christopher MadererSchmerz, Spaß, Mühe

Auch der Hollywood-Regisseur Spike Jones ist von der Szene begeistert. Er hat bereits Skatevideos mitproduziert. Aus solchen Videos entstand eine weiter „Kunstrichtung“ des Skatens – die Fotografie. Abgelichtet werden Momentaufnahmen aus einem Sprung oder einem Trick. Sie zeigen die Athletik des Sports, die Konzentration des Fahrers, seine Körperspannung. Fotografen wie Atiba Jefferson – selbst ein begnadeter Boarder – setzen die Kraft, den Spaß, aber auch die Mühe und die Schmerzen, die diesen Sport ausmachen, in Szene.

Klar hat die Skate-Kultur auch eine eigene Sprache entwickelt. Da gibt es Fachbegriffe für Teile des Boards, für Stürze, für typische Verletzungen. Einer der Skate-Ausdrücke – der Ollie – hat es bis in alle Wörterbücher geschafft. Er ist das Basismanöver: ein einfacher, gerader Sprung.

Um zu verstehen, worüber Skater gerade sprechen, muss man die verschiedenen Trick-Kategorien kennen, die meist englische Namen haben. Ein Flip etwa ist ein Sprungtrick. Bei einem Grind rutscht man mit dem Board über eine Eisenstange. Davon abgeleitet entstehen Tricknamen wie Treflip oder Switch Back Tail Shuv – und das sind nur die Kurzversionen!

Wer mal in die Szene eintaucht, merkt: Skateboarding fasziniert. Es ist eine Subkultur, die von den Kids auf der Straße jeden Tag neu erfunden wird. Und die Skater selbst? Sie sind ein ganz eigener Haufen – viel besser als ihr Ruf, aber meist mit leicht abseitigem Humor! Oder warum sonst wälzt sich jemand lachend am Boden, nachdem er gerade mit dem Gesicht gebremst hat?

PACO GRAVES/apk
 

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