Carlo macht Armut sichtbar PDF Drucken

Die Ferienreporter Nils Krüger, Kassian Berthold, Summer Ash und Laura Becker mit Stadtführer Carlo Schnabel. Der 59-jährige Straßenkreuzer-Verkäufer weiß, wo arme Menschen in Nürnberg Hilfe bekommen. Vom Bahnhof aus geht es zur Straßenambulanz, Mudra-Drogenhilfe und zur Wärmestube. Foto: Martin SchanoEin Stadtführer zeigte Orte in Nürnberg, an denen sich arme Menschen treffen

Vier Ferienreporter berichten über ein schwieriges Thema: Armut in der Stadt Nürnberg. Dafür haben sie eine Tour bei einem ganz besonderen Stadtführer gebucht. Carlo Schnabel kennt sich mit dem Thema aus, denn er ist der Chef der Verkäufer der Zeitschrift „Straßenkreuzer“ . Alle Texte auf dieser Seite verfassten die Ferienreporter SUMMER ASH (10), LAURA BECKER (13), KASSIAN BERTHOLD (11) und NILS KRÜGER (11).

Wo treffen sich arme Leute in Nürnberg? Diese Frage beantwortet Karl-Heinz Schnabel (59), Spitzname Carlo, bei seinen besonderen Stadtführungen. Sie beginnen im Zwischengeschoss des Hauptbahnhofs. Carlo deutet auf den Fußboden und sagt: „Hier verlaufen zwei unsichtbare Grenzen. Die erste beginnt bei der Rolltreppe zur U-Bahn, die man nur mit gültigem Fahrschein betreten darf. Die zweite Grenze ist beim Aufgang zum Bahnhof, wo das Gleiche gilt.“

Wer keinen Fahrschein hat, der darf sich nur im Zwischengeschoss aufhalten. Also sieht man hier auch Obdachlose, die sich darüber austauschen, wo sie übernachten können oder kostenlos etwas zu essen kriegen, „denn für solche Tipps geht niemand in die Tourismus-Info“, erzählt Carlo.
Die zweite Station ist der Südausgang des Bahnhofs. Dort angelangt, stellt uns Carlo den Obdachlosen Jürgen vor. Er begrüßt uns mit dem Satz: „Hallo, ich bin ein Penner.“ Dabei sieht er ganz normal aus, bis auf das Merkmal, dass er nur noch einen Zahn im Mund hat. Jürgen ist einer von 60 Verkäufern des Sozialmagazins „Straßenkreuzer“ und macht sich gerade auf zu seinem Stammplatz vor dem Karstadt.
Wir ziehen dagegen weiter zur Straßenambulanz der Caritas.Während unseres 20-minütigen Gesprächs mit Krankenpfleger Florian Thomae kommen ständig Patienten zur Tür herein. Einigen sieht man es sofort an, dass sie arm sind und medizinische Hilfe brauchen, anderen aber überhaupt nicht.

Die Leute, die die Straßenambulanz mit einem Arzt und vier Krankenpflegern besuchen, haben nicht einmal eine Krankenkassen-Karte. Die zehn Euro Praxisgebühr können und müssen sie hier auch nicht bezahlen. „Wir werden von der Stadt, der katholischen Kirche und von Spendern unterstützt“, zählt Florian Thomae auf. Vor allem Spenden sind dringend nötig, denn heuer kamen bis August bereits 800 Patienten. Das sind fast so viele wie im gesamten vergangenen Jahr.

Andrang in der Wärmestube

Auch in unserer nächsten Station, der Wärmestube, herrscht so viel Andrang, dass man kaum durch den schmalen Gang zum Büro des Leiters Bernhard Gradner gelangt. Er erklärt: „Der Name des Tagestreffs kommt daher, dass sich hier arme Leute aufwärmen können und etwas zu essen erhalten.“ Wer hier essen will, zahlt mit einem Berechtigungsschein. „Den bekommt man, wenn man eine der Beratungsstellen in der Stadt besucht hat“, sagt Bernhard Gradner. Jährlich wandern 41 000 Mahlzeiten in die leeren Mägen armer Menschen.

Von der Wärmestube läuft man nur fünf Minuten zur Mudra-Drogenhilfe. „Das Wort Mudra kommt aus dem Indischen und bedeutet: Veränderung von innen, die von außen sichtbar ist“, weiß Max Hopperdietzel. Er hilft Menschen, die seit Jahren drogenabhängig sind und davon loskommen wollen. Arbeit hilft ihnen dabei. Hier nähen sie, stellen Schmuck her, fällen Holz im Wald, zersägen es in der Schreinerei, organisieren Umzüge und pflegen Gärten.

Nach zweieinhalb Stunden ist die etwas andere Stadtführung zu Ende. Wer selbst einmal mitgehen möchte, kann beim Straßenkreuzer e.V. Stadtführungen in der Nord- und Südstadt und ab Herbst auch in Gostenhof buchen. Für Kinder kosten sie 2,50 Euro, für Erwachsene 5 Euro.

Mehr findet ihr auch unter: www.strassenkreuzer.info

 

EXTRA-Info: Der "Straßenkreuzer"

Der „Straßenkreuzer“ ist ein Sozialmagazin in Nürnberg. Früher sagte man „Obachlosenmagazin“, weil es auch von Obdachlosen verkauft wird. Aktuell bieten 60 Leute das Heft an festgelegten Plätzen an. Verkaufen darf das Heft nur derjenige, der nicht mehr als das Grundeinkommen eines Hartz-IV-Empfängers verdient.

Es gibt drei Gruppen von Verkäufern: Die vier Festangestellten, die verpflichtet sind, mindestens 400 Exemplare im Monat zu verkaufen. Die zweite Gruppe sind die Hartz-IV-Empfänger. Sobald sie mehr als 150 Ausgaben pro Monat verkaufen, wird ihnen der Preis für jedes weitere Exemplar von ihrem Hartz-IV-Betrag abgezogen. Die letzte Gruppe bilden die Obdachlosen.

Das Heft erscheint sechsmal im Jahr mit jeweils etwa 17 000 Exemplaren. Die Berichte darin verfassen Journalisten ehrenamtlich. Der Verein Straßenkreuzer e.V. bietet auch eine „Schreibwerkstatt“, in die schreibinteressierte Leute kommen können. Außerdem erscheint immer zur Weihnachtszeit eine CD, für die Musiker kostenlos Lieder spenden. Des Weiteren ist das Kochbuch „Küchenkreuzer“ herausgekommen, in dem 29 Hobby- und Profi-Köche Rezepte vorstellen, die sowohl günstig als auch einfach zuzubereiten sind.

 

EXTRA-Porträt: Der Obdachlose Jürgen sagt „Ich bin ein Penner“

Der 61 Jahre alte Jürgen lebt auf der Straße. Er hat keine Wohnung und gilt daher als obdachlos. Die Ferienreporter durften ihn bei Carlos Stadtführung kennenlernen und verfassten ein Porträt über den Mann, der von sich selbst sagt: „Ich bin ein Penner.“

Jürgen ist sympathisch und sieht gepflegt aus. Der begeisterte Fan des FC Schalke 04 mit dem Spitznamen „Der Schalker“ trägt eine Kappe, auf der „Straßenkreuzer“ steht, und ein gebügeltes knallbuntes Sommerhemd.

Seit fünf Jahren ist er obdachlos und hat keinen Arbeitsplatz. Jürgen wählte diesen Lebensweg, da er sich weigert, Geld vom Staat anzunehmen. Das wäre auch nicht so einfach, wie Jürgen erklärt: „Wer keinen Wohnsitz hat, bekommt kein Konto. Wer kein Konto hat, bekommt kein Geld vom Staat.“ Das erinnert ein wenig an die Geschichte vom „Hauptmann von Köpenick“. Selbstbewusst sagt er: „Ich lebe auf der Straße, aber ich bettle nicht.“ Stattdessen verdient er sich seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf des Sozialmagazins „Straßenkreuzer“. Sein Stammplatz ist vor dem Karstadt in der Nürnberger Innenstadt.

Nach verschiedenen Unterkünften in den vergangenen Jahren bietet ihm ein Wirt einen Schlafplatz in seiner Kneipe. „Ich habe bei ihm Fußball geschaut und bin dabei eingeschlafen. Da bot er mir sein Klappbett im Hinterzimmer an.“ Seither darf er jeden Abend kommen. „Nachts um zwei, drei Uhr, wenn er die Kneipe zusperrt, habe ich dann ausgeschlafen und gehe wieder auf die Straße.“

Während Jürgen erzählt, wird seine positive Lebenseinstellung immer spürbarer. Jürgen lacht viel und engagiert sich, wo er kann. Ab Herbst stellt ihn der Straßenkreuzer e.V. als neuen Stadtführer ein. Außerdem hält er Vorträge über sich vor Schulklassen.

„Freunde“, so meint er, „habe ich nicht nur unter den Straßenkreuzer-Verkäufern, sondern auch unter einigen Kunden gefunden.“ Jugendliche sammeln zum Beispiel Geld, um für Jürgen in einem Dentallabor ein künstliches Gebiss fertigen zu lassen. „Für mein neues Esszimmer“, sagt Jürgen lachend.

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Frank Hummert  - Toller Artikel ...   |IP-84.57.72.xxx |23-07-2011 23:58:16
Bin zufällig auf diese Seite gestoßen und finde den Artikel über die
Stadtführer des Straßenkreuzers und die Wärmestube einfach klasse

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