Zwei gute Songs müssen reichen für den Sieg PDF Drucken

Kein abschätziger Blick, kein mieser Kommentar: Franco Parisi, Jutta Leidel und Dominik Pohlmann (von links) gehören zur SchoolJam-Jury. Foto: Eduard WeigertLive-Bericht von einem Casting für Schülerbands: Eine ernsthafte Jury arbeitet anders als Dieter Bohlen & Co

Ein fieser Typ, ein nicht besonders schlaues Model und irgendein Manager aus der Plattenindustrie – so sieht die Jury bei Castingshows im Fernsehen meistens aus. Genauso unqualifiziert wie ihre Mitglieder sind oft auch die Kommentare dieser Jurys. Aber es geht auch anders, zum Beispiel bei SchoolJam, dem Wettbewerb für Deutschlands beste Schülerbands. Bei einem Vorentscheid in der Nürnberger Luise haben wir der ernsthaften Jury über die Schulter geschaut.


 

 

Licht aus, Spot an, die Spannung steigt: Für acht Schülerbands aus Franken und der Oberpfalz, die sich für den Regionalentscheid in Nürnberg qualifiziert haben, geht es heute Abend ums Ganze: Nur zwei Bands kommen in die nächste Runde, für die sechs anderen ist Endstation.
Ein bisschen träumen wohl alle vom großen SchoolJam-Finale auf der Frankfurter Musikmesse. Und natürlich vom Hauptpreis für die beste der 1400 Schülerbands, die sich bei SchoolJam beworben haben: einem Auftritt bei „Rock am Ring“. Aber der Weg dahin ist noch weit und die Entscheidung, welche beiden Bands weiterträumen dürfen, liegt in den Händen von Franco Parisi, Dominik Pohlmann, Jutta Leidel und Florian Richter. Jede Band hat nur zwei Songs, um die Jury von sich zu überzeugen.
 

Anders als bei den üblichen Fernsehcastings sitzen Franco, Dominik, Jutta und Florian nicht wie ein Strafgericht vor den Musikern. Es gibt keinen Jury-Tisch mit Buzzern und keinen oberschlauen Jury-Boss, der immer das letzte Wort hat. Franco, Dominik und Jutta mischen sich unter die Leute und fallen in der Menge gar nicht weiter auf. Florian hört die Bands sogar nur in einem Nebenraum über Kopfhörer. Als Toningenieur, der an seinem Arbeitsplatz in den „Studios 301“ in Köln schon die Toten Hosen und Robbie Williams aufgenommen hat, schneidet er alle Auftritte mit.
 

Florian ist aber nicht der einzige Profi in der Jury. Dominik hat lange für eine Plattenfirma gearbeitet und organisiert seit zwei Jahren den SchoolJam auf Bundesebene. Franco arbeitet als Produzent und Berufsmusiker und hat schon Songs für Peter Maffay geschrieben. Und Jutta kümmert sich seit zwölf Jahren in der Luise um die Förderung von Nachwuchsbands. Die Arbeit der Juroren hat mit der „Recall“- oder „Du bist scheiße“-Methode nichts zu tun. Keine Band wird runtergeputzt oder beleidigt.
 

Im Gegenteil: Franco, Dominik, Jutta und Florian halten sich eher geräuschlos im Hintergrund. Nach jedem Song machen sie sich Notizen auf ihrem Jurybogen. Darauf kann jede Band maximal 40 Punkte erhalten, jeweils zehn in den Kategorien „Komposition/Song“, „Gesang“, „Zusammenspiel der Band/Handwerk“ und „Live-Performance“. Aber so leicht ist das Punkteverteilen nicht. Wonach bewerten die Juroren?
 

„Im Laufe der Jahre habe ich tausende Bands gehört und so ein Ohr dafür entwickelt, welche Band wirklich gut ist“, meint Jutta. Ihre Jury-Kollegen stimmen ihr zu. Erfahrung und nochmal Erfahrung braucht ein guter Juror in erster Linie, um die Komposition, den Gesang oder das Handwerk einer Band so objektiv wie möglich zu beurteilen.
 

Den eigenen Musikgeschmack muss man dabei weitgehend ausblenden können, um jede Band fair zu behandeln. Für Florian ist das schon wegen seines Berufs kein Problem: „Objektivität ist für mich als Toniningenieur mein täglich Brot. Ich trenne meine Arbeit von meinem Geschmack.“
Eine schwierige Aufgabe bleibt die Punktvergabe trotzdem. Nur die Kategorie „Live-Performance“ ist etwas leichter zu bewerten. „Unterhält die Band ihr Publikum, oder vergisst sie das und spielt einen Proberaumauftritt – das ist die entscheidende Frage“, erklärt Franco.
 

Am Ende fällt der Jury die Entscheidung schwer. Auch dieser Ablauf hat mit Castings à la Dieter Bohlen nichts gemeinsam: Franco, Dominik, Jutta und Florian treffen sich in einem Hinterzimmer der Luise. Das Ergebnis nach Punkten ist furchtbar eng. Eine halbe Stunde lang diskutieren sie erstaunlich ruhig und sachlich.
 

Dann steht ihr gemeinsames Urteil fest: Die Punkrocker von Crashing Crew aus Erlangen und die Metal-Band eXcrete machen das Rennen und ziehen ins Halbfinale der besten 30 deutschen Schülerbands ein. Im Saal werden jetzt die Sieger gefeiert, während sich die Jury im Hinterzimmer ihr Feierabendbier gönnt.

JOHANNES KUCK

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