| Drastisch plastisch |
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Wusstet ihr, dass ihr mit jedem Schluck Cola wahrscheinlich auch immer ein bisschen Plastik mit runterschluckt? Und könnt ihr euch euren Alltag ohne Handys, Kulis, Duschgels oder EC-Karten vorstellen? Was diese Dinge überhaupt miteinander zu tun haben? Sie alle sind aus Plastik – oder in Plastik verpackt. Wir sind umgeben von Plastik. Genau darum geht es in dem gerade angelaufenen Dokumentarfilm „Plastic Planet“. Regisseur Werner Boote ist für seinen Film durch 25 Länder gereist, um herauszufinden, wie gefährlich Plastik für unsere Umwelt und Gesundheit ist. Seine These: Wir sind kurz davor, vom Plastikmonster verschlungen zu werden. Höchste Zeit, panisch im Kreis zu laufen. Oder? „Die Menge Kunststoff, die wir seit Beginn des Plastikzeitalters produziert haben, reicht bereits aus, um unseren Erdball sechsmal mit Plastikfolie einzupacken“, heißt es im Film. Für die Industrie ist Plastik ein toller Stoff: Es ist billig zu produzieren, leichter und stabiler als Glas oder Metall und formbar in jede Größe. In unserem Alltag ist Plastik praktisch überall – ob wir’s wollen oder nicht. Der Film „Plastic Planet“ geht der Frage nach, welche Auswirkungen diese vollsynthetischen Produkte aus Erdöl auf unsere Gesundheit und unseren Planeten haben. Wissenschaftlich betrachtet sind die Grundformen des Plastiks (Chemiker nennen sie Polymere) biologisch neutral – das heißt, sie sind für jeden Organismus eigentlich unschädlich. Gefährlich wird Plastik durch sogenannte Additive wie Weichmacher oder Farbstoffe. Die Zeitschrift Öko-Test hat zum Beispiel herausgefunden, dass die meisten Plastikclogs bestimmte Kohlenwasserstoffe enthalten, die Krebs verursachen und unser Erbgut verändern können. „Jeder Mensch hat leicht freisetzbare Inhaltsstoffe von Plastik in sich, das steht außer Frage“, sagt Professor Hans Drexler vom Lehrstuhl für Arbeits- und Sozialmedizin der Uni Erlangen-Nürnberg. Einer dieser „Plastik-Stoffe“ ist beispielsweise Bisphenol A, das man bei einem Test wahrscheinlich bei jedem Menschen im Blut feststellen könnte. Doch wo kommt dieser Stoff her? Er ist zum Beispiel in Lebensmittelverpackungen enthalten, und wir nehmen ihn auf, wenn wir eingeschweißten Käse oder Gummibärchen essen. In Sachen gesundheitsschädigende Folgen gibt Professor Drexler aber Entwarnung: „Die Mengen an gefährlichen Stoffen in uns sind derzeit zu gering, um Schaden anzurichten.“ So schätzt er auch Kinderspielzeug aus gefärbtem Holz für gefährlicher ein als Kunststoffspielsachen: Abfärbende Legosteine sind sicher noch keinem begegnet. Krank werden wir also hoffentlich nicht durch unsere Plastik-Welt. Was aber ist mit der Umwelt? Die meisten Plastikprodukte sind unrecyclebare Wegwerfartikel: Die benutzte Plastiktüte und der leere Filzstift landen in der Tonne. Beim Verbrennen werden gefährliche Dioxide freigesetzt. Die Alternative Verrottenlassen ist auch nicht besser – zumal der Müll oft einfach in der Natur landet. 80 Prozent des weltweiten Plastikmülls versinkt im Meer. Östlich von Hawaii zum Beispiel drehen sich im Pazifik mehr als drei Millionen Tonnen Plastikmüll in einem gewaltigen Strudel. Meerestiere fressen den Müll und sterben. Kein Wunder: Insgesamt gibt es etwa sechsmal so viel Plastik wie Plankton in den Weltmeeren. Von dort kommt es aber auch zu uns zurück: Das Plastik wird durch Wellen und Wind zerrieben und an die Küsten geschwemmt. Wer sich also gemütlich am Strand räkelt, sollte sich bewusst machen, dass der Sand bereits heute zum Teil aus winzigen Plastikstückchen besteht. Eine angenehme Vorstellung, seinen Urlaub auf gebrauchten Zahnbürsten zu verbringen, oder? Im Film wird deutlich: Die Plastikindustrie sieht die Müllentsorgung nicht als ihre Aufgabe. Pro Jahr werden 240 Millionen Tonnen Kunststoff hergestellt. Die Industrie macht dabei rund 800 Milliarden Euro Umsatz – und kaum ein Industriezweig wird je wieder auf das praktische Material Plastik verzichten wollen. Ob Plastik ein Fluch oder ein Segen ist, werden erst unsere Nachkommen entscheiden. Im Film „Plastic Planet“ werden Familien aufgefordert, alles aus ihrem Haus zu entfernen, das aus Kunststoff besteht. Probier es in deinem Zimmer doch selbst mal aus und lass dich überraschen, wie viel zusammenkommt! LAURA BREGULLA Extra-erfinderisch - In den 70er Jahren wurden zwei Millionen Autoreifen vor Florida ins Meer gekippt – als Riffersatz für Korallen und Fische. Doch dieser Versuch zur Müllentsorgung schlug fehl: Das künstliche Riff zerstörte ein echtes und nun müssen die Reifen wieder geborgen werden. - Einige Regierungen haben dem Plastikmüll inzwischen den Kampf angesagt: Bangladesch war das erste Land, das 2002 per Gesetz Plastiktüten verboten hat. Besondere Vorsicht ist auch auf Sansibar geboten: Hier muss man bis zu 1560 Euro zahlen, wenn man mit einer Plastiktüte erwischt wird. - Auch die Industrie ist erfinderisch und hat ein schnell verrottendes Bioplastik entwickelt. Es kommt jedoch erst bei 0,2 Prozent aller Kunststoffprodukte und -verpackungen zum Einsatz. - Doch auch die Aussicht auf vielversprechendes Bioplastik sollte unser Gewissen nicht beruhigen: Zurück zu Glasflaschen, Stoffbeuteln und Kleidung aus Naturprodukten – das ist sicher die umweltschonendste Lösung.
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