Eine Konzertreise voller Gegensätze PDF Drucken

Wendelsteiner Waldorfschüler musizieren mit chinesischen Orchester

Weihnachtskonzerte, Sommerfeste, Schuljubiläen – das sind die Anlässe, zu denen ein Schulorchester normalerweise spielt. Einen viel pompöseren Auftritt haben die jungen Musiker der Freien Waldorfschule Wendelstein erlebt: Sie reisten für zwei Wochen in die chinesische Stadt Chengdu, um dort sechs Konzerte zu geben – eines sogar zusammen mit einem Staatsorchester. Hier berichten die Zwölftklässler Maram Groß und Lucas Stock von ihrem Abenteuer.

Samstagabend, 21.13 Uhr. Unser Dirigent Volker Felgenhauer hebt die Arme, die Musiker nehmen ihre Instrumente. Eine ewige Sekunde verstreicht. Dann beginnen die Streicher, eine packende, tibetanisch klingende Melodie zu spielen. Die Bläser setzen ein. Das Konzert kommt in Fahrt.
Etwa 90 Minuten später ist unser großer Auftritt in der ausverkauften „Jiaozi Concert Hall“ vorbei. Das Publikum applaudiert frenetisch und ehrt uns mit Standing Ovations. Wir geben zwei Zugaben – was außergewöhnlich ist. Schließlich verlassen Chinesen normalerweise schon kurz vor Schluss den Konzertsaal.

 

Sowohl wir 36 Waldorfschüler als auch die 50 Profimusiker des „Sichuan Symphony Orchestra“ sind zufrieden. Dabei war uns nach der ersten gemeinsamen Probe noch ganz anders zumute gewesen.
Geübt wurde in einem heruntergekommenen Raum in einem Hinterhof, der einer riesigen Sportumkleide ähnelte. Der chinesische Dirigent Tang Quinshi hatte uns verunsichert. Er ist klein und still, dirigiert aber ausufernd – und verzieht dabei keine Mine. Was er wohl von uns hält?
In nur drei Proben müssten die zwei Orchester zu einer Einheit zusammenwachsen. Die Musikstücke, die wir spielten, standen vorher fest: verschiedene Filmmusik, Stücke von Händel, Gluck, Tschaikowsky und ein chinesisches Volkslied. Wir haben sie bis ins Detail geübt – und deshalb verlief auch schon die zweite Probe viel lockerer. Nach ein paar Tagen wurden wir von Herrn Tang sogar als seine „deutschen Freunde“ begrüßt. Die Musik überwindet halt doch Grenzen.

Die Stadt ist ständig in Bewegung

Die Idee zu diesem Kulturaustausch entstand vor etwa zwei Jahren. Das Deutsche Konsulat in Chengdu hatte uns eingeladen, am deutsch-chinesischen Kulturfestival teilzunehmen. Also sammelten wir fleißig Sponsorengelder, um nach Chengdu, ins Herz Chinas, fliegen zu können.
Obwohl 12 Millionen Menschen in der Stadt leben, gilt sie nur als mittelgroß. Alles ist ständig in Bewegung. Bei jedem Atemzug sammeln sich Dutzende Menschen an jeder Ampel und warten darauf, dass es weiter geht. Auf den Straßen achten und missachten sich alle möglichen Fahrzeuge: Mofas, Rikschas, elektrische Roller, Fahrräder in allen Größen.

Als wir durch die Straßen gehen, gilt uns alle Aufmerksamkeit. Man deutet mit dem Finger auf uns, kleine Kinder werden auf uns hingewiesen, wir werden ständig fotografiert. Alle sind erstaunt von den „großen Europäern“. Aber auch wir staunen: Wirklich nahezu alle Chinesen haben diese typisch platten Nasen – was wohl der Grund ist, weshalb die Westler den Spitznamen „Langnase“ tragen.
Neben unseren Orchesterproben besuchen wir die Waldorfschule in Chengdu und eine Staatsschule. Dort herrscht harter Drill: Der Unterricht dauert von 7 bis 22 Uhr, die Schulwoche beginnt bereits am Sonntagabend – mit einem dreistündigen Test.

14 Stunden Deutsch in der Woche

Auf dem Stundenplan stehen wöchentlich 14 Stunden Deutsch. Da wird uns schnell klar, wieso die Schüler nach nur zwei Jahren unsere Sprache fast perfekt beherrschen. Sport hingegen gilt offenbar als nicht so wichtig. In den zwei Wochenstunden wird fast nur marschiert. Bei unserem Besuch in der Schule werden die – in China äußerst wichtigen – Gastgeschenke ausgetauscht. Wir erhalten chinesische Knoten in allen Formen und Farben, die man als Glücksbringer über die Tür hängt, und sogar ein chinesisches Schachspiel. In Workshops lernen wir die chinesische Kultur kennen. Wir nähen Taschen, probieren uns an Scherenschnitten oder stellen die mit Gemüsebrei gefüllten Nudeltaschen her, die es hier zu jeder Mahlzeit gibt.

Zum krönenden Abschluss unserer Chinareise geben wir am letzten Sonntag zwei Konzerte, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Vormittags spielen wir in einem Volkspark. Wir wollen damit die ärmeren Chinesen erreichen, die sich den teuren Eintritt zum Kulturfestival nicht leisten können. Schon während wir unsere Instrumente stimmen, sammelt sich eine so große Menschenmenge um uns, dass das Spielen aus Platzgründen fast unmöglich ist. Die Leute staunen, lauschen und fotografieren.
Am Abend finden wir uns im goldummantelten Festsaal eines Luxuswohnviertels wieder, mit Blick auf den Golfplatz. Im Gegensatz zur Euphorie am Vormittag ist der Applaus hier eher verhalten. Aber so sind sie nun mal, die Chinesen. Wie schön, dass wir sie kennenlernen durften.

Ein ausführlicher Reiseblog steht unter www.orchester-nach-china.de
 

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