Tote Tauben im Kamin PDF Drucken

 Unterwegs mit Schlotfeger-Lehrling Axel Nether 

 Nasse Haarsträhnen hängen über das schmale, mit Ruß verschmierte Gesicht. Axel Nether ist erschöpft. Der 17-Jährige ist heute schon über 1000 Treppenstufen gestiegen, hat mehrere Schlote saubergefegt und ist mit seinem Dienstfahrzeug, einem alten Fahrrad, von Haus zu Haus durch den Regen gefahren. Axel Nether lernt bei seinem Vater Heinz Nether im zweiten Ausbildungsjahr Schornsteinfeger. Zusammen mit dem Schornsteinfeger-Meister Christian Hammer (32) ist Axel Nether heute in der Schnieglinger Straße unterwegs.

 

 

15 bis 20 Häuser stehen pro Tag auf dem Plan. Die Bewohner wurden bereits vor einer Woche informiert, dass heute der Schlotfeger kommt. Axel Nether steigt mit einer fünf Kilogramm schweren Leine über der Schulter in den dritten Stock des Mehrfamilienhauses nach oben. Währenddessen erzählt er, dass er bereits als Kind mit seinem Vater beim Kaminkehren war. Schlotfeger ist bei ihm eine Familientradition. Seine beiden Onkel und auch sein Cousin sind ebenfalls Schornsteinfeger. Für Axel Nether kam kein anderer Beruf infrage.

 Während er Stufe für Stufe nach oben steigt, erzählt er pausenlos weiter: Seine Berufsschule ist in Mühlbach in der Oberpfalz. Nur etwa ein Drittel seiner Arbeit ist das Kaminkehren. Die restliche Zeit prüft er Heizungsanlagen und kontrolliert unter anderem die Abgaswerte in den Rohren. Auch die Überprüfung von Dunstabzugshauben in der Gastronomie gehört zu seinen Aufgaben. Im zweiten Lehrjahr verdient er 552 Euro monatlich brutto.

Nach 60 Treppenstufen erreicht der aufgeweckte junge Mann den Dachboden des Hauses. Dort öffnet er das Kamintürchen und steckt den Besen hinein. Er hängt an einer 20 bis 30 Meter langen Leine. Diese führt über einen Rollbock bis zum Keller. Der 17-Jährige zieht die Leine hin und her. Der Besen bewegt sich im Schlot auf und ab. Noch einmal hin und her. Fertig. Jetzt wechselt Axel Nether das Handwerkszeug: Mit einem fünf Meter langen Stoßbesen wird der Schlot nach oben gereinigt. Die Arbeit unter dem Dach ist geschafft. Der zierliche junge Mann hängt sich die Ausrüstung wieder über die Schulter. „Ich trage die Ausrüstung immer über der rechten Schulter. Die hat sich an das Gewicht gewöhnt."

Die Arbeit geht nun im Keller weiter. Axel Nether öffnet dort das Kamintürchen und kehrt den Ruß heraus. „Manchmal finden wir hier auch tote Tauben. Die setzen sich auf den Schlot, weil es da schön warm ist. Wenn sie die Gase einatmen, werden sie ohnmächtig und fallen in den Kamin." Axel Nether ist im ersten Haus fertig. Er packt seine Sachen und trägt den mit Ruß gefüllten Eimer zum Müll. Sein Meister ist mit der Arbeit zufrieden.

Im nächsten Gebäude müssen Axel Nether und sein Kollege auf das Dach steigen. Neben der Eingangstür hängt eine Leiter. Christian Hammer klemmt sie unter den Arm und trägt die Leiter mit nach oben.

Vom fünften Stock aus steigen die beiden Schlotfeger über die Leiter auf das Dach. „Da oben hat man einen tollen Ausblick. Ich sehe die Burg, den Fernsehturm und den Flughafen", schwärmt der 17-jährige. Am Anfang sei es ein komisches Gefühl gewesen, auf den Dächern herumzusteigen. Aber mittlerweile habe er sich daran gewöhnt.

Axel Nether hat seine Lehre nach dem Quali begonnen. Die Arbeit macht ihm sehr viel Spaß. Für die Zukunft hat er bereits konkrete Pläne: Nach der Ausbildung will er seine Meisterprüfung machen und dann einen eigenen Kehrbezirk übernehmen.

Der Weg zum nächsten Haus führt am Krematorium des Westfriedhofs vorbei. Zwei freistehende Schlote sind zu sehen. „Von dort oben ist die Aussicht noch besser. Das macht erst richtig Spaß", sagt der Schornsteinfeger-Meister Christian Hammer. Bei der nächsten Reinigung der 26 Meter hohen Schlote wird Axel Nether das erste Mal dabei sein, bei der Reinigung von weiteren Schloten hat er bereits mitgeholfen. „Wir haben früh um vier angefangen. Morgens um halb acht waren wir fertig."

Die beiden Schlotfeger erreichen ihr nächstes Haus. Ein älterer Herr im blauen Pullover und mit einem Stück Brot in der Hand öffnet die Tür. „Grüß Gott", grüßt Axel Nether freundlich. „Ach der Schlotfeger. Kommen Sie herein." Wieder erfolgt die gleiche Arbeit.

Jetzt lässt der Meister seinen Lehrling alleine weiterziehen. Vorher erklärt er ihm jedoch, worauf er bei den folgenden Arbeiten achten muss. Im nächsten Haus ist der Keller mit alten Möbeln vollgestellt. Ein kleiner Schrank blockiert die Kamintür. Der 17-Jährige packt den Schrank und stellt ihn zur Seite. „Das ist harmlos. Bei manchen Häusern ist bereits auf der Kellertreppe schon alles voll. In solchen Fällen gehen wir wieder." Der Hausbesitzer bekommt dann einen Brief und muss bis zum nächsten Besuch den Weg freiräumen. „Ach Hallo, der Schlotfeger", ruft nebenan eine alte Dame mit grauen Haaren, die gerade Holz holt. „Viele freuen sich, uns zu sehen", sagt Axel Nether und erzählt, woher der Aberglaube kommt: Früher lösten verrußte Schornsteine oft einen Brand im ganzen Haus oder in der Stadt aus. Der Kaminkehrer reinigte die Schornsteine und schützte somit die Häuser — die Leute hatten Glück.

Während Axel Nether die Geschichte vom glückbringenden Schornsteinfeger erzählt, kratzt und kehrt er den Ruß in den Eimer. Den letzten für diesen Tag. Dann fährt er mit dem Fahrrad zurück zur Werkstatt. Beim Duschen wäscht der 17-Jährige mit einer Seife für Handwerker den Ruß von seinem Körper.

Kerstin Freiberger

 

 

 

 

Nasse Haarsträhnen hängen über das schmale, mit Ruß verschmierte Gesicht. Axel Nether ist erschöpft. Der 17-Jährige ist heute schon über 1000 Treppenstufen gestiegen, hat mehrere Schlote saubergefegt und ist mit seinem Dienstfahrzeug, einem alten Fahrrad, von Haus zu Haus durch den Regen gefahren. Axel Nether lernt bei seinem Vater Heinz Nether im zweiten Ausbildungsjahr Schornsteinfeger. Zusammen mit dem Schornsteinfeger-Meister Christian Hammer (32) ist Axel Nether heute in der Schnieglinger Straße unterwegs.

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