Liebsein reicht nicht PDF Drucken

 

Übung macht den Meister: Mit der richtigen Technik kann Nicole Lenz (links) selbst Menschen heben, die doppelt so schwer sind wie Mitschülerin Sandy John. Foto: Karlheinz Daut

Nicole (18) macht eine Ausbildung zur Altenpflegerin

  Nicole mimt eine gebrechliche 80-Jährige - und ihre Mitschüler sollen beweisen, dass sie im Ernstfall richtig helfen können. Seit Wochen haben sie im schuleigenen Pflegezimmer geübt. Sie haben sich gegenseitig vom Bett in den Rollstuhl gehoben und dabei gelernt, dass korpulente Menschen federleicht sein können - wenn man die richtige Hebetechnik beherrscht. Sie haben aus Kissen Polster gemacht, die verhindern, dass sich Bettlägerige wundliegen.

Heute muss jeder Handgriff sitzen, jedes Wort zählt. Denn heute werden Noten gemacht. Laut ruft Nicole noch einmal nach der Schwester. Das Rollenspiel scheint ihr Spaß zu machen, obwohl ihr Part ungewohnt ist.

Traum vom Aufstieg

Normalerweise eilt die 18-Jährige ganz in Weiß gekleidet den Bewohnern des Rotkreuz-Seniorenheims zur Hilfe, wenn die nach der Schwester klingeln. Seit September macht sie die dreijährige Ausbildung zur Altenpflegerin. Schon träumt sie davon, später einmal mit Freundin Sandy (22) ein Altenheim zu leiten.

Dabei ist Nicole in den Pflegeberuf ganz ungeplant reingerutscht: Nach dem Hauptschulabschluss wusste sie nicht so recht, was aus ihr werden sollte. Schließlich machte sie eine Ausbildung zur Sozialbetreuerin und lernte dabei die Arbeit in Alten- und Behindertenheimen kennen.

Vor ihrem ersten Praxistag im Altenheim packte Nicole damals die Angst. Was, wenn sie die gebrechlichen "alten Leutchen" zu grob anfassen würde? Oder wenn sie sich scheuen würde, fremde Menschen zu waschen, den Katheter zu wechseln oder Wunden zu versorgen? "Aber dann hab ich’s einfach gemacht und gemerkt: Das ist genau das, was ich will!", erinnert sie sich.

Schnell lernte Nicole, dass auch Heimbewohner Berührungsängste haben. Wie es ist, wenn man sich in fremde Hände begeben muss, erfuhren die angehenden Altenpfleger gleich zu Beginn der Ausbildung, als der Lehrer sie aufforderte, sich gegenseitig zu waschen - gerade mal ein Bikini war erlaubt.

Das Bett summt, als es mit Nicole langsam nach unten fährt. Mitschülerin Olga (22) hält die Fernbedienung in einer Hand und reicht Nicole die andere. Verstohlen linst sie hinüber zur Lehrerin, die in ihr Notenheft kritzelt. "Sie brauchen keine Angst zu haben, ich bin da", versichert Olga Nicole mit russischem Akzent.

Etwa die Hälfte der Klasse ist zweisprachig aufgewachsen und spricht neben deutsch auch russisch, polnisch oder türkisch. In den Heimen begrüßt man solche Bewerber mit Handkuss, sagt der Leiter der Berufsfachschule, Reinhold Engelhardt. Denn längst sind auch die Menschen im pflegebedürftigen Alter, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Zuwanderer aus anderen Ländern nach Deutschland kamen. Der Umzug ins Heim fällt ihnen leichter, wenn dort auch die Muttersprache zu Hause ist.

Der Rollstuhl steht schon bereit. Olga schiebt eine Hand unter Nicoles Knie, die andere unter ihr Schulterblatt und setzt ihre "Patientin" am Bettrand auf. "Sie müssen mich jetzt anschauen", befiehlt sie. "Halten Sie sich bitte fest." Keine zwei Minuten später sitzt Nicole im Rollstuhl.

Das, wovor sie am meisten Angst hatte - die medizinische Pflege - fasziniert Nicole heute am meisten. Anatomie ist ihr Lieblingsfach, und am Nachmittag, als es im Klassenzimmer um das Thema "Wundliegen" geht, schnellt ihr Finger unermüdlich in die Höhe. Eine neue Erfahrung für Nicole, die sich in der Hauptschule nicht immer motivieren konnte, mitzuarbeiten.

Älter und gebrechlicher

Mit ihrem medizinischen Interesse passt Nicole gut in das Bild vom modernen Altenpfleger. "Die Menschen sind immer älter, wenn sie ins Heim kommen, und damit auch gebrechlicher. Das Altenheim wird immer mehr zum Pflegeheim", sagt Schulleiter Engelhardt. Umso unbegreiflicher sei es, dass "viele den Beruf abtun und glauben, es reicht, warmherzig zu sein."

Um 15 Uhr geht der Unterricht in die letzte Runde. Pflegetheorie. Die Klasse ist müde. Nicole hebt die fein gezupften Augenbrauen und droht einer schwätzenden Mitschülerin spielerisch mit dem Zeigefinger. Beide lachen. 20 Frauen und zwei Männer zählt die Klasse, kaum einer von ihnen ist älter als 25 - auch das ist anders als früher, als in dem Klassenzimmer vor allem Mütter, Mitte 30, die Schulbank drückten. Ein typischer Umschulungsjob war der Beruf damals. Quirliger geht’s heute in dem Klassenzimmer zu; nicht immer hat die Verabredung zur nächsten Party bis nach dem Schlussgong Zeit.

Mit der Lebenserfahrung von Müttern können die jungen Azubis nicht aufwarten. Aber die Unbeschwertheit, die sie mitbringen, tut den Heimbewohnern gut und weckt Erinnerungen: Tipps gegen Liebeskummer gibt’s auf der Arbeit gratis. Und wenn Nicole berichtet, dass sie gerade den Führerschein macht, spitzt ein ehemaliger Fahrlehrer die Ohren.

Manchmal ist Nicole ganz leise und hört zu. Jede Geschichte ist wie ein Puzzle-Teil, das hilft, den Bewohner besser zu verstehen. "Der eine wacht jede Nacht um vier Uhr morgens auf", erzählt Nicole. "Wenn man weiß, dass der mal Bauer war, wundert einen das nicht." Eine demente Frau kramt nachts im Schrank nach Akten. "Eine ehemalige Sekretärin." Biografiearbeit nennen Altenpfleger das: Lebensgeschichte, Vorlieben und Interessen eines jeden Heimbewohners werden in Mappen gesammelt. Das Mosaik aus Erinnerungen hilft, wenn Gedächtnis oder Sprache eines Bewohners eines Tages verlorengehen.

Wie ist es für die 18-Jährige, wenn die Menschen, die sie gepflegt und zum Lachen gebracht hat, eines Tages sterben? Nicole überlegt nicht lange. Sie sagt: "Ich hab’ die Einstellung, dass die Menschen, die ins Heim kommen, ihr Leben gelebt haben. Glücklich gewesen sind. Und jetzt geht es darum, ihnen die letzten Monate so schön wie möglich zu gestalten."

Claudia Ziob

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