Spurensuche am Beckenrand PDF Drucken

 

Die Azubis Andreas Meier und Franka Müller müssen auch die Wassertemperatur im Südstadtbad messen. Foto: WeigertEin Tag im Berufsleben eines Azubis zum Fachangestellten für Bäderbetriebe

Guter Kopfrechner, schwindelfrei oder ein besonders scharfes Auge - wir verraten euch so manche Eigenheit bekannter Ausbildungs-Berufe. Andreas Meier (17) wird im Südstadtbad Fachangestellter für Bäderbetriebe.

Es ist halb elf im Südstadtbad. Die Azubis Lukas, Tamara, Franka und Andreas absolvieren gerade ihr tägliches Schwimmtraining. Nach der dreijährigen Lehrzeit sollen sie als "Fachangestellte für Bäderbetriebe" (kurz: FAB) nicht nur Leben retten, sondern auch anderen beibringen, wie man sich richtig im Wasser bewegt.

  "Die Kunst in unserem Beruf ist es, auf einen Ernstfall wie gerade eben, zu jeder Zeit gefasst zu sein. Und zwar auch bei 30 Grad, am Ende eines langen Sommertages mit 5000 Gästen im Freibad", sagt Helmut Blaß, Ausbilder der vier. FAB werden, das bedeutet für den 17-jährigen Andreas Meier aus Wilhermsdorf vor allem, früher aufzustehen als zu Schulzeiten. Um 5.30 Uhr klingelt der Wecker, um sieben Uhr ist Dienstbeginn. Da sind die eisenharten Frühsportler im Nürnberger Süden bereits seit einer Stunde in der Schwimmhalle.

Ein Stockwerk darunter, in der Saunalandschaft, vermischt sich das Klacken von Andreas’ Badeschlappen mit monotonem Wassergluckern. "Es muss halt alles a weng sei Ordnung hamm", murmelt er, während er die Liegen zurechtrückt und den Ruß von den Kerzengläsern wischt. Allgegenwärtig: Der Geruch von Nadelholz, der letzte Aufguss des Vorabends.

Andreas ist einer von zwei Azubis im ersten Lehrjahr. Anfang September waren sie noch zu viert, doch zwei sind schon ausgestiegen. Vielleicht weil sie sich unter dem Nachfolgeberuf des "Bademeisters" etwas anderes vorgestellt hatten. In den Köpfen vieler ist das immer noch der Trillerpfeifengeneral, der seine Langeweile damit bekämpft, Beckenrandspringer zu verwarnen.

"Das Wort ,Bademeister‘ wirst du nie wegbringen", sagt Andreas, "aber ich erkläre den Leuten nicht jedes Mal umständlich, dass der Beruf schon lange anders heißt."

Schon rein optisch widerspricht der Schlaks dem alten Klischee. Die Knie sind vom Fußballspielen aufgeschürft, die Adern treten an den Oberarmen hervor. Sein Gesicht beherrscht nur zwei Ausdrücke: Aufmerksam und grinsend, weil er so manches in seinem Alltag komisch findet. Zum Beispiel, wenn er einmal am Tag den Topf des Plastikbaums leeren muss, weil die kleinsten Badegäste ihn so gerne gießen.

Auf der Suche nach Hilfe geht ein älterer Herr beinahe an Andreas vorüber und fragt dann vorsichtig: "Sin Sie dou su wos wäi deä’ Bodmasdä?" Andreas bejaht die Frage - "su wos wäi" trifft es ja ganz gut. Der Mann hält ihm einen Schließfachschlüssel mit abgerissenem Armband vor die Nase: "Is deä’ kabudd?". Nach kurzer Untersuchung entscheidet sich Andreas für die unbürokratische Lösung: Der Mann bekommt ein anderes Schließfach.

Solche Banalitäten gehören zu Andreas’ Arbeitsalltag wie Spezialmissionen, die nur ein FAB erledigen darf. Zum Beispiel: Die Rutsche von unten nach oben ablaufen. Dem Schein der Taschenlampe folgend steigt der Azubi gebückt in den Röhrenausgang. Dass er die Suche nach defekten Dichtungen und Hindernissen überaus ernst nimmt, ist einer Mär geschuldet, die stets der ältere dem jüngeren Lehrjahrgang überliefert: "In einem anderen Schwimmbad hat jemand nachts von außen einen Nagel in eine Rutsche geschlagen. Der Erste, der früh gerutscht ist, kam kastriert unten an."

Oben angekommen krabbelt er mit einem Ächzen aus dem Einstieg und streckt die Glieder gerade. Die Bahn ist nagelfrei, der Betrieb kann beginnen. Genau rechtzeitig für die zwei Schulklassen, die gerade in die große Halle stürmen. Der Geräuschteppich, den die Kinder über dem Becken ausbreiten, schluckt das friedliche Schwappen des Wassers im Beckenüberlauf. Jetzt heißt es „Augen auf!" für den Ernstfall.

In dem bunten Treiben fällt einer Kollegin ein älterer Herr auf, der wie ein Hund paddelt. Auf Nachfrage gesteht er: „Ich war seit 15 Jahren nicht mehr im Wasser." Die "FABs" ermutigen ihn, weiter zu üben. Aus den Augen lässt ihn keiner mehr.

Die Aufsicht über die Badegäste ist eine von vielen Aufgaben eines FAB. Den Lehrberuf gibt es seit 1997. Bis dahin konnte man zwar "Schwimmmeistergehilfe" lernen, doch es hat sich nicht nur der Name geändert. Früher war der Haustechniker ein eigener Posten in einem Schwimmbad - jetzt muss das der FAB leisten.

Und dann ist da noch die Chemie, die im Wasser stimmen muss. Andreas macht sich auf in die Katakomben des Hallenbads. Dort ist die Betonwanne des großen Beckens von unten zu sehen. An ihr schmiegen sich Leitungen vorbei an Messstationen zu computergesteuerten Filteranlagen.

Bei einer Batterie von Kanistern bleibt er stehen. Er überprüft den Stand der Chemikalien, die wichtig für den optimalen pH-Wert im Wasser sind. Salzsäure senkt den Wert, Natronlauge hebt ihn. Damit kennt er sich aus - sein Vater hat zu Hause in Wilhermsdorf bei Neustadt an der Aisch eigene Fischweiher.

Zusammen mit fünf Jahren Mitgliedschaft bei den Rettungsschwimmern ist das schon fast alles, was er an Vorkenntnissen mitgebracht hat. "Ich habe aus der Zeitung erfahren, dass es den Beruf gibt", sagt er. "Menschen, Sport, Technik - da ist alles dabei, mit dem ich beruflich gerne zu tun haben wollte." Und 570 Euro netto im Monat findet er „gar nicht mal schlecht".

Gegen Ende seines Arbeitstages, um 15.30 Uhr, entdeckt er schwarze Fußspuren auf den Fliesen in der großen Halle. "Die sind von einer Frau, deren Badelatschen sich auflösen." Er spült die Flecken mit der Gießkanne weg. „Schön machst du das!", rufen ihm die älteren Kollegen hämisch nach. Zum Ärger des Azubis ist die Dame einmal um das Becken gewandert - die Fährte endet am Eingang des türkischen Hamams. "Wenn ich die sehe...", droht Andreas, der für böse Flüche zu gut erzogen ist, "schenke ich ihr neue Schlappen."

Zum Ausgleich darf er heute einen Aufguss in der Sauna machen. Er öffnet eine Kammer, in dem sich die Aroma-Kanister bis zur Decke stapeln und schnappt sich seinen Lieblingsduft: Kirsche.

Auf dem Weg zur Panoramasauna sieht er durch die Scheibe die eng aneinandergeschmiegten Stammgäste. Er begrüßt sie mit dem Satz: "Hallo, ich bin der Andi, bin im ersten Lehrjahr und mach jetzt einen Aufguss mit Kirschduft." Er tritt vor jeden Einzelnen und fächelt ihm mit einem Handtuch die heißfeuchte Luft ins Gesicht. Die älteren FABs beherrschen verschiedene Wedeltechniken: Propeller, Achter und Drache. Die will Andreas unbedingt noch lernen.

Martin Schano

Nur schwach sind die wimmernden Hilferufe auf der letzten Bahn des Schwimmerbeckens zu hören. Ein Schüler versucht, sich in Panik vor dem Untergehen zu retten, indem er sich an einem anderen festhält. Zwischen Luftschnappen und Wasserschlucken schreien beide nach der Lehrerin.Lukas reagiert am schnellsten. Der Azubi hechtet vom Beckenrand zu den beiden Havaristen, umklammert den einen und zieht ihn ans Ufer. Die Lehrerin, mittlerweile mit Klamotten im Wasser, schnappt sich den anderen. Mit hochroten Köpfen klettern die Jungen aus dem Becken, spucken und krächzen. Lukas schwimmt zurück zu seinem Ausbilder; er hat alles richtig gemacht.

 

 

Ein Tag im Berufsleben eines Azubis zum Fachangestellten für Bäderbetriebe

 

 

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