Lernen im Wüstensand PDF Drucken

Katar holt sich US-Spitzen-Hochschulen ins Land

Mit riesigen Plakaten an den Bauzäunen von Neubauvierteln werben die Universitäten von Doha in Katar um neue Studenten. Foto: Jochen Tack (imago)Überfüllte Hörsäle, gestresste Dozenten, genervte Studierende – die gegenwärtige Debatte um die Reform der deutschen Massen-Uni gibt Anlass, auch mal einen Blick in ein Land zu werfen, in dem das alles gänzlich unbekannt ist: zum Beispiel Katar im Mittleren Osten.

Wer in den Petrodollar-Monarchien am Persischen Golf etwas auf sich hält, schickt seine Kinder zum Studium nach Großbritannien oder in die USA. Die konservativen Familien entsenden nur die Söhne. In einigen progressiven Clans gibt man auch den Töchtern eine Chance — immer in der Hoffnung, dass sie sich nach vier Semestern im „sündigen Westen“ auf dem heimischen Heiratsmarkt noch vermitteln lassen.

 Die meisten Golf-Araber wollen ihre Töchter lieber ganz in ihrer Nähe – oder zumindest in einer islamischen Umgebung – wissen. Das hat dafür gesorgt, dass die Zahl der Studentinnen in den Golfstaaten vielerorts höher ist als die der Studenten.

An der staatlichen Uni von Katar, einem der reichsten Länder der Welt, studieren derzeit rund 3000 Männer und doppelt so viele Frauen. Die Hälfte von ihnen trägt Kopftuch und Abbaya, das traditionelle schwarze Frauengewand Arabiens.

Gleiches gilt für die neue Bildungsstadt mitten in der Wüste am Stadtrand der katarischen Hauptstadt Doha. Hier haben sich sechs Filialen renommierter US-Hochschulen angesiedelt Wer eine der Mini-Unis betritt, fühlt sich eher wie in einem Fünf-Sterne-Hotel oder einem modernen Museum als in einer Hochschule.

Rosinen rausgepickt

Jede dieser Hochschulen hat nur eine oder zwei Fakultäten. Denn die Katarer haben sich bei den „Mutter-Universitäten“ in den USA jeweils nur die Rosinen herausgepickt. Sie haben sich vor allem die Studiengänge ausgesucht, denen diese Unis ihr Renommee verdanken.
An der Georgetown University in Doha wird nur internationale Politik gelehrt. Der katarische Ableger der Northwestern University bietet als Studienfächer Journalismus und Kommunikation an. Die Filiale der Carnegie Mellon University in Pittsburgh bietet Betriebswirtschaft und Informatik an. An der Texas A&M Universität in Doha studieren angehende Ingenieure. Und Medizin wird am Weill Cornell Medical College gelehrt. Nur für den Studiengang Islamisches Recht haben sich die Katarer keine ausländische Hilfe geholt.

Die Architektur der Gebäude ist durchweg spektakulär. In den kleinen Hörsälen gibt es Sitze aus feinstem Holz und Internet-Buchsen an jedem Platz. Nirgends müssen die Wissensdurstigen anstehen oder um Plätze kämpfen. Die 1400 Studenten, die auf dem 14 Millionen Quadratmeter großen Areal unterrichtet werden, muss man förmlich suchen. Das Verhältnis zwischen Studenten und Professoren liegt an einigen Fakultäten bei fünf zu eins.
Die Absolventen dieser Elite-Schmieden sollen eines Tages zu den Führungskräften von Katar gehören. Oder sie sollen andernorts den Ruhm des kleinen arabischen Landes mehren – das bislang vor allem wegen seiner enormen Öl- und Gasvorkommen und als Heimat des Nachrichtensenders Al-Dschasira bekannt wurde.

Die Katar-Stiftung, die von Scheicha Mosah, der Ehefrau des Emirs Hamad bin Chalifa al-Thani geleitet wird, hat die Bildungsstadt erdacht und — wie es in Katar üblich ist — binnen kürzester Zeit Wirklichkeit werden lassen. 2002 fingen die ersten Studenten an, deren Eltern genauso hohe Studiengebühren bezahlen müssen wie an den jeweiligen US-Unis. Im vergangenen Jahr wurden die ersten Absolventen verabschiedet.

Kritisches Denken gefordert

Die ambitionierte Gattin des Emirs ist mit dem Erreichten noch nicht zufrieden. „Verhandlungen mit weiteren Hochschulen in Frankreich und Großbritannien laufen“, erklärt Ahmed Hasnah, der zum akademischen Team der Katar-Stiftung gehört. Damit möglichst viele Katarer die Aufnahmebedingungen der neuen Elite-Unis erfüllen, wurde zudem eine Reform des staatlichen Schulwesens in Angriff genommen.
Die Kinder sollen besseren Englisch-Unterricht erhalten. Außerdem sollen sie laut Hasnah künftig „schon in jungen Jahren zum kritischen Denken erzogen werden“ – eine Kulturtechnik, die in den islamisch-konservativen Golfstaaten bisher nicht gerade hoch im Kurs stand.

BEATRICE CLASMANN (dpa)

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