Der Diplom-Ingenieur hat’s nun schwör - B wie Bologna, Teil 8 PDF Drucken

Bachelor, Master oder Diplom - welche Art von Ingenieur ist hier am Werkt? Foto: colourbox.comIm Bachelor-/Master-System hat der alte Titel keinen Platz mehr — Aber er hat Freunde, die ihn retten wollen

Jahrzehntelang war er ein weltweit bekanntes Qualitätssiegel: der gute alte Diplom-Ingenieur. Im Zeitalter der Bologna-Reform ist er vom Aussterben bedroht. Denn auch die Ingenieurwissenschaften haben auf das Bachelor-/Master-System umgestellt.

Das löst nicht nur Begeisterung aus. Die Stimmen derer mehren sich, die das Diplom retten wollen – und sei es nur als akademischen Grad. „Es gibt keine guten Gründe dafür, den Diplom-Ingenieur abzuschaffen. Im Gegenteil, der Dipl.- Ing. ist eine weltweit anerkannte Marke. Und diese Marke wollen wir erhalten“, sagt Prof. Ernst Schmachtenberg, bis vor kurzem noch Ordinarius für Kunststofftechnik in Erlangen und jetzt Rektor der Technischen Uni (TU) Aachen.

Dass sich Bachelor und Master nicht so schnell wieder abschaffen lassen, weiß ein Praktiker wie Schmachtenberg genau. Und er sei sogar ein Bologna-Befürworter, versichert der Präsident der „TU9“, des Zusammenschlusses wichtiger technischer Universitäten in Deutschland.

Dennoch: Dass mit der Bologna-Reform das Diplom in den Ingenieurwissenschaften völlig verschwinden soll, hält Schmachtenberg für überflüssig. „Die Kultusministerkonferenz hat verordnet, dass ein Masterstudium mit einem Master zu enden habe“, sagt er. „Aber in Österreich zum Beispiel geht es beim Ingenieur-Studium auch anders.“

Ein Master-Studium an der Technischen Uni Wien zum Beispiel endet mit der Master-Urkunde – mit der zugleich der Titel als Dipl.-Ing. verliehen wird. Im deutschen Text steht dann Diplom-Ingenieur, im englischen Master of Science (M.Sc.). Eine aus Schmachtenbergs Sicht ideale Lösung.

Derselben Meinung ist Matthias Jaroch, Sprecher des Hochschulverbandes, in dem rund 25000 Wissenschaftler zusammengeschlossen sind. „An der Bachelor-Master-Struktur sollte nicht gerüttelt werden. Aber es geht uns um den Titel des Diplom-Ingenieurs. Es muss auch künftig eine Möglichkeit geben, diesen Titel zu führen.“

Denn „die Berufsgruppe der Ingenieure hat sich mit dem Titel Dipl.-Ing. immer identifiziert“, ergänzt Willi Fuchs, Präsident des Verbands der Ingenieure (VDI). Durch den Umstieg auf den Master gehe diese Identifikation verloren.

„Andererseits habe ich schon Mitte der 80er Jahre in den USA gelehrt und dort Bachelor- und Master-Studiengänge kennengelernt, die es in mehr als 80 Prozent aller Länder auf der Welt gibt“, sagt Fuchs. „Ich glaube auch, dass wir die Umstellung dringend brauchen.“ Schon um junge Leute zum Studium nach Deutschland zu locken, seien international übliche Abschlüsse hilfreich.

„Führende technische Hochschulen haben auch vor der Bologna-Reform schon Master-Studiengänge angeboten“, sagt Fuchs. Eine Umstellung auf Bachelor und Master sei deshalb nicht unbedingt gleichbedeutend mit einem Verlust an Qualität.

Noch viel zu verbessern

An den Hochschulen läuft Fuchs zufolge aber noch nicht alles rund: „Es gibt eine stärkere Verschulung, der Workload ist erhöht worden, das Studium gestrafft“, erklärt der VDI-Präsident. „Die Hochschullehrer sind viel stärker gefordert, die wesentlichen Inhalte zu vermitteln. Da muss noch nachgebessert werden.“

Nachbesserungsbedarf sieht auch der Hochschullehrerverband, gerade in den Ingenieurwissenschaften: Dort sei die Abbruchquote schließlich besonders hoch, sagt Matthias Jaroch. Während der Debatten um die Bologna-Reform klang häufig die Sorge durch, ein Bachelor werde allenfalls als zweitrangig angesehen – für den Arbeitsmarkt etwa so hilfreich wie eine Bescheinigung der Volkshochschule über die Teilnahme an einem Informatikkurs.

Gerade in den Ingenieurwissenschaften scheint sich diese Befürchtung jetzt zu bestätigen. Wie die Bachelor-Absolventen auf dem Arbeitsmarkt aufgenommen werden, müsse man erstmal abwarten, sagt der Informatiker Prof. Reinhard German, Dekan der Technischen Fakultät in Erlangen: „Wir sehen eine gute Vergleichbarkeit des früheren Diploms mit dem jetzigen Master.“ Der Master ist eine sinnvolle Qualifikation für den Arbeitsmarkt.

Im Klartext bedeutet das: An den Unis wird der Master im Ingenieurbereich zum Regelabschluss. Daran ändern auch die Versuche, den Bachelor schönzureden, nur wenig. Der Riesenvorteil des neuen Systems sei, dass Studenten mit dem Bachelor aussteigen können, wenn sie bis dahin gut mitgehalten haben, dann aber Probleme bekommen. Und gute Bachelor-Absolventen der Fachhochschule hätten nun die Chance, für den Master an eine Uni zu wechseln.

Unter dem Strich entscheide der Name des Abschlusses ohnehin nicht bei der Stellenvergabe, meint Fuchs: „Die Arbeitgeber achten bei der Einstellung von Ingenieuren vor allem darauf, von welcher Hochschule der Bewerber kommt.“ Wenn die einen guten Ruf hat, sei das schon mal ein wichtiges Argument.

ANDREAS HEIMANN (dpa)/hlo

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