B wie Bologna, Teil 13: „Beschallung von vorne ist völlig out“ PDF Drucken

Ein Beispiel für eine Lehrveranstaltung ganz im Geiste der Bologna-Reform: Zuerst erarbeiten sich die Studierenden den Stoff in kleinen Gruppen, dann präsentieren sie ihre Ergebniss den anderen und tauschen sich darüber aus. Die Bilder stammen aus einem internationalen Seminar am Lehrstuhl für empirische Wirtschaftssoziologie der Uni Erlangen-Nürnberg. Foto: Stefan HippelSoziologie-Professor der Uni Erlangen-Nürnberg setzt Grundgedanken der Bologna-Reform konsequent um

"Beschallung  von vorne ist völlig out“, meint Prof. Bernhard Prosch. Schon der Begriff „Vorlesung“ stört ihn: „Studenten sind keine Kleinkinder, denen man etwas vorlesen muss. Wer studiert, sollte selbst lesen können“. Prosch setzt stattdessen auf „aktive Beteiligung. Wer sich den Lernstoff selbst erarbeitet, anstatt sich damit berieseln zu lassen, lernt wesentlich effizienter.“


Prosch ist Soziologie-Professor im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Uni Erlangen-Nürnberg. Im dortigen Bachelor-Studiengang Sozialökonomik (zu Diplomzeiten: Sozialwirt) gibt es kaum mehr Vorlesungen nach altem Muster.
Stattdessen laufen viele Doppelstunden so ab: Der Dozent führt zu Beginn kurz in das Thema ein, zwischendurch gibt er ein paar Anregungen und am Schluss wird eine Art Fazit gezogen. Jeweils dazwischen arbeiten die Studierenden selbstständig in kleinen Gruppen.
 

Auf diese Weise wollen Prosch und seine Mitarbeiter am Lehrstuhl für empirische Wirtschaftssoziologie einen wesentlichen Aspekt der Bologna-Reform umsetzen: „Die Grundidee jedes Bachelor-Studiengangs ist es, dass die Vermittlung von Fachwissen allein nicht genügt“, erklärt Prosch, „vielmehr sollen die Studierenden zusätzlich noch Schlüsselqualifikationen bekommen.“
Schlüsselqualifikationen oder auf gut Englisch soft skills (weiche Fähigkeiten), so nennen Bildungsexperten Fähigkeiten und Persönlichkeitszüge, die für den Umgang mit Kollegen und Kunden und letztlich für den Erfolg in vielen Berufen nötig sind – zum Beispiel Einfühlungsvermögen, Offenheit und vor allem Teamfähigkeit. 
 

Bei den kürzlich wieder aufflammenden Studentenprotesten ist der Aspekt soft skills besonders in den Vordergrund gerückt: Denn er spielt in den meisten bisher eingeführten neuen Bachelor-Studiengängen allenfalls am Rande eine Rolle.
Und wenn, dann in einer Art und Weise, die Prosch additiv nennt. „Sicher, es gibt Bachelor-Studiengänge, in denen zusätzlich zum Fachwissen auch spezielle Module angeboten werden, in denen die Studierenden soft skills lernen können.“ 
 

Aber Prosch setzt auf den integrativen Ansatz: Schlüsselkompetenzen werden nicht in gesonderten Kursen vermittelt, sondern in ein und denselben Lehrveranstaltungen, in denen es um die fachlichen Inhalte geht. Denn dadurch, dass sich die Studierenden den Stoff in kleinen Gruppen erarbeiten, dann anderen Gruppen präsentieren und schließlich alle gemeinsam vertiefen, bekommen sie mehr oder minder automatisch viele soft skills mit.
Unterstützt wird Prosch dabei von Thomas Ammon, früher mal Assistent am Lehrstuhl und jetzt Chef der Beratungsfirma Key2Cultures. Er lässt seine ganzen Erfahrungen einfließen, die er als Personalchef in der Industrie gesammelt hat.
 

Ob das Ganze auch wirklich funktioniert, untersucht  die Lehrstuhlmitarbeiterin Sandra Dreier in einem von der Staedtler- und der Mayer-Stiftung geförderten Forschungsprojekt. Bisher wurden Studienanfänger ein Jahr lang gezielt in ihren Schlüsselkompetenzen gefördert. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend: „Die Leute aus der Versuchsgruppe sind aktiver, kooperativer, verantwortungsbereiter und innovativer als Mitstudierende ohne diese Förderung“, sagt Prosch.
 

Dass sein integrativer Ansatz, soft skills in fachlichen Lehrveranstaltungen gerade in der Soziologie besonders gut funktionieren mag, will Prosch nicht abstreiten. Aber kann das Konzept auch in ganz anderen Fächern, etwa Physik oder Romanistik, greifen. „Ich denke schon“, sagt der Professor, „wenn man Bologna ernst nimmt, muss man sich halt was einfallen lassen und seine Lehrveranstaltungen auch wirklich umstellen.“

 hlo
 

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