B wie Bologna, Teil 14 - Gebt uns eine Chance! PDF Drucken

So sah er aus, der Tatort Uni während des Bildungsstreiks: An der Philosophischen Fakultät in Erlangen hatten Studierende mit Kreiden auf Asphalt gemalt, wie sie sich die Zukunft der Geisteswissenschaften ausmalen, wenn die Bologna-Reform nicht nochmals gänzlich reformiert wird. „Ohne Bildung geh’ ich tot“ lautete einer der Slogans, die die Kreideumrisse auf dem gesamten Gelände begleiteten.  Foto: Petra SchlierfPodiumsdiskssuion in Erlangen über die Zukunft von Bachelor-Absolventen in den Geisteswissenschaften

Unter  „B wie Bologna“ stellen wir in loser Folge verschiedene Aspekte der sogenannten Bologna-Reform – also der Vereinheitlichung des europäischen Hochschulraums – vor. Heute Teil 14: In Erlangen gab es eine Podiumsdiskussion zum Thema „Bologna – eine Chance für die Geisteswissenschaften?“

„Natürlich mache ich mir Gedanken, ob ich nach meinem Bachelor weiter studieren oder mich in die Arbeitswelt stürzen soll“, sagt die Erlanger Studentin Eva Meseck. „Ich hab das Gefühl, als würde man mich von außen dazu drängen, den Master zu machen.“
Eva ist im 6. Semester – und nach diesem Sommersemester eine der ersten Bachelor-Absolventinnen bei den Erlanger Geisteswissenschaftlern. Ob sie danach wieder Versuchskaninchen spielen und sich in einen der neu geschaffenen Master-Studiengänge stürzen will, weiß sie noch nicht.
 

Und das geht vielen ihrer Kommilitonen genauso. Deshalb haben Eva und einige andere Studenten diese Podiumsdiskussion angeregt. Die Frage, die im Raum steht: Haben Bachelor-Absolventen überhaupt gute Jobaussichten?
„Bologna" sollte das Studium verkürzen. Wer sich wirklich wissenschaftlich vertiefen will, kann sich danach für den Master entscheiden. Alle anderen sind reif für den Arbeitsmarkt – so die Theorie. Aber sehen das die Arbeitgeber genauso?
 

Auf dem Podium sitzen neben Eva Vertreter aus der freien Wirtschaft sowie aus staatlichen und kulturellen Einrichtungen. Sie alle haben eines gemeinsam - nämlich keinerlei Erfahrungen mit Bewerbern, die einen Bachelor-Abschluss haben. Alle können nur spekulieren, wie es mit den Bachelor-Absolventen weitergeht.

Martin Wagner, Leiter des Frankenstudios beim Bayerischen Rundfunk (BR), will ihnen keine Illusionen machen: Um ein Volontariat beim BR zu bekommen, müssen Bewerber ein abgeschlossenes Studium vorweisen können. „Formal ist der Bachelor ein abgeschlossenes Studium“, sagt Wagner, „aber de facto reicht er nur in Ausnahmefällen.“
Schnell schiebt er sarkastisch hinter her: „Na, Sie wissen doch, in den sechs Semestern müssen Sie am besten zehn Praktika gemacht haben und fünf Jahre im Ausland gewesen sein.“
 

Auch nach Ansicht von Dieter Rossmeissl, Kulturreferent der Stadt Erlangen, ist erst der Master ein Hochschulabschluss, nicht der Bachelor. „Studenten lernen vieles erst bei langer und intensiver wissenschaftlicher Arbeit. Diesem Anspruch genügt die Bachelor-Arbeit nicht.“
Der Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums, Ulrich Großmann, geht sogar noch weiter: „Wir brauchen Absolventen mit Promotion!“ Heißt das also: Bachelor, nein danke!?
 

Quatsch. Wenn schon nicht die staatlichen Stellen, so wollen zumindest Wirtschaftsunternehmen Bachelor-Absolventen. „Uns geht es um die Persönlichkeit, um soziale Kompetenz, logisches Denken und Intelligenz“, sagt Michael Seyd von der Datev, „das Querdenken ist die große Chance der Geisteswissenschaftler.“ Und das Wichtigste: Die Studenten müssen für ein Thema brennen und davon begeistert sein.
 

Aber querdenken? Sich engagieren? „Dafür war früher Zeit, heute nicht mehr“, bemängelt ein Student aus dem Publikum. „Klar haben wir noch Zeit zum Querdenken“, entgegnet Eva locker. Sie muss es wissen. Die Studentin gibt zu, dass die ersten Semester stressig sind. „Aber das, was die Geisteswissenschaften ausmacht, geht nicht verloren“, sagt sie. Studenten dürfen nicht meinen, dass sie kein Eigenengagement bräuchten. Nur gute Noten, das hat früher nicht gereicht und reicht heute auch nicht.
 

Eva und ihre Kommilitonen beschäftigt aber noch etwas anderes: Die Idee, den Bachelor zu machen, dann ins Berufsleben einzusteigen und später nochmal für den Master an die Uni zurückzukommen. Wäre das die optimale Lösung? Vielleicht sogar in Teilzeit oder berufsbegleitend? „Auf keinen Fall! Da sind Sie schon recht alt, bekommen kein volles Gehalt, sind aber trotzdem mit dem Studium belastet“, meint Rossmeissl. „Das ist vielleicht gut für die Karriere, aber ganz sicher nicht für die eigene Familienplanung!“
 

„Natürlich ist das eine Chance, den Master später zu machen. Warum soll jemand seinen Master nicht noch mit 45 machen, wenn die Kinder schon größer sind?“, entgegnet Ingrid Kurz-Eckardt von der Agentur für Arbeit in Nürnberg. Mit 45 noch mal als Student im Hörsaal sitzen? Das ist lebenslanges Lernen.
 

Jeder muss selbst entscheiden, welcher Weg für ihn der richtige ist. Im Publikum und auf dem Podium werden Stimmen laut, dass der Bachelor nichts tauge. Ein Plädoyer für den Bachelor hält ausgerechnet ein Magister-Student: „Ich finde, Bachelor-Studenten sind besser ausgebildet als wir Magister-Absolventen. Immerhin wissen wir doch nach unserem Abschluss auch nicht unbedingt, was wir machen sollen. Außerdem haben die Bachelor-Studenten, vor allem die aus den ersten Jahrgängen, bewiesen, dass sie sich durch ein neues Studiensystem durchbeißen können. Gerade deshalb haben diese Leute jetzt auf dem Arbeitsmarkt wirklich eine Chance verdient!“
 

JENNIFER HERTLEIN

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