| Hier gehört Rockmusik zum guten Ton |
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Schulklassen, die dreistimmig im Chor singen? Die als Streich- oder Blasorchester miteinander spielen? Oder die Rockmusik machen? Solche Klassen wünschen sich die Initiatoren des Projekts klasse.im.puls an der Uni Erlangen-Nürnberg. Dort läuft das deutschlandweit einmalige Modellversuch im Fach Musikpädagogik.
Wenn Evelyn Beißel die Notwendigkeit dieser neuen Art von Musikunterricht erklären soll, verweist sie gern auf das Fach Sport: „Da käme auch keiner auf die Idee, die Schüler Biografien von Sportlern auswendig lernen zu lassen oder Olympische Spiele zu analysieren. Vielmehr gibt es jede Menge teurer Geräte zum Herumturnen.“ So müsse es auch im Musikunterricht sein: Instrumente für alle – und jeder darf aktiv mitmachen. Evelyn Beißel ist selbst Musiklehrerin und hat vor neun Jahren an der Realschule Naila erste Musikklassen eingerichtet. Zuerst spielte sie mit ihren Schülern Keyboard, später entstanden Band- und Streicherklassen. Heute gibt es dort Musik als Hauptfach – und viele frühere Schülerbands, die gern für ein Benefizkonzert an ihre alte Schule zurückkehren. Inzwischen promoviert Beißel im Fach Musikpädagogik an der Uni in Nürnberg. Ihr Thema: die „musische Realschule“ in Naila. Seit fast eineinhalb Jahren betreut sie auch das Projekt klasse.im.puls. Das Konzept: An Haupt- und Realschulen werden ab der 5. Jahrgangsstufe Musikklassen eingerichtet, in denen jeder Schüler ein Instrument lernt und mit seinen Mitschülern im Ensemble spielt oder im Chor singt. Freilich gab es schon früher Bläser- oder Streicherklassen an bayerischen Schulen. Dank klasse.im.puls werden diese Einzelaktionen nun erstmals vernetzt und wissenschaftlich begleitet. Die Uni organisiert Fortbildungen für die Musiklehrer, hilft bei Problemen, vermittelt Sponsoren für den Kauf von Instrumenten.
Vier der heuer teilnehmenden Lehrer sind ehemalige Studenten der Musikpädagogik in Nürnberg. Denn deren Leiter Prof. Wolfgang Pfeiffer legt größten Wert auf die Idee, dass Klassen gemeinsam musizieren – und hat das zum festen Bestandteil des Lehramtsstudiums gemacht. Möchte ein Lehrer aus seiner Klasse eine Rockklasse machen, sollte er im Idealfall selbst in einer Band gespielt haben. Denn Bass, Schlagzeug, Keyboard und Gitarre – all das muss er den Schülern selbst beibringen. Dafür stehen ihm drei Musikstunden wöchentlich zur Verfügung. In fast jeder Stunde proben die Schüler an ihren Instrumenten. Mit dem Lehrplan verträgt sich das gut: In der 5. Jahrgangsstufe sind sowieso Instrumentenkunde, Notenlehre und Rhythmusübungen vorgesehen, sagt Tobias Fichte, der klasse.im.puls gemeinsam mit Evelyn Beißel betreut. Und auch die angehenden Musiklehrer an der Uni Erlangen-Nürnberg haben etwas von dem Projekt: Sie können ihre Pflichtpraktika in den Musikklassen absolvieren. Ein Semester lang leiten sie dann einmal wöchentlich den Instrumentalunterricht. Im nächsten Schuljahr wird das Projekt kräftig Zuwachs erhalten. Etwa 35 neue Schulen haben sich angemeldet – bis nach Bamberg, Würzburg und Bad Windsheim. Das bayerische Kultusministerium hat bereits signalisiert, dass es das Projekt auch weiterhin unterstützt. Und wenn es nach den Mitarbeitern ginge, würden von der Uni Erlangen-Nürnberg aus bald Musikklassen in ganz Bayern betreut. Die Schüler profitieren von dieser neuen Art des Musikunterrichts. Wie Evelyn Beißel an ihrer Realschule beobachtet hat, ist gemeinsames Musizieren „die optimale Benimmschule“. Die Schüler müssen zuhören, aufeinander Rücksicht nehmen und sich gegenseitig unterstützen, damit es am Ende gut klingt. Disziplin, Ordnung und die Identifikation mit der Schule würden gefördert. „Selbst wenn ich eine Probe für Freitag, 17 Uhr, anberaume, kann ich sicher sein, dass jeder Schüler da ist“, sagt die Lehrerin. Die Nürnberger Sperberschule, die schon seit längerem Musikklassen anbietet, bestätigt das: Bisher habe es keine Verweise gegen Schüler dieser Klassen gegeben. Deshalb ist Wolfgang Pfeiffer überzeugt: „Auch wenn die Musikklassen-Lehrer anfangs akustisches Chaos ertragen müssen – der Erfolg entschädigt sie voll und ganz.“ ANNIKA PEISSKER
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