Reine Bücherwürmer fehl am Platz PDF Drucken

Lange wurde der „Tod des Buchs“ prophezeit, eingetreten ist er bis heute nicht – und er wird es wohl auch nicht mehr. Texte im klassischen Buchformat stehen heute ganz selbstverständlich neben Laptop und E-Book. Für Prof. Ursula Rautenberg und die Buchwissenschaft ist das kein Widerspruch.  Foto: Petra SchlierfIn der Buchwissenschaft ist kaufmännische und juristische Denkweise gefragt
 

Wenn man Buchhandlungen einmal beiseite lässt, dann sind Hochschulen eine der besten Anlaufstellen für Bücherwürmer. Das ist an der Uni Erlangen-Nürnberg nicht anders. Wer sich allerdings als Bücherwurm in der Erlanger Buchwissenschaft in guter Gesellschaft wähnt, liegt falsch.


Was zunächst widersprüchlich klingen mag, liegt an der Definition des Faches selbst. Der Erlanger Buchwissenschaft geht es nämlich so gar nicht um das, was in den Büchern steht. Die Forschung  kümmert sich vielmehr um das weite Feld dessen, was nicht zwischen zwei Buchdeckel passt.
 

Der normale Leser vergisst gerne mal: Bücher sind auch ein Wirtschaftsgut und entstehen nur durch das richtige Zusammenspiel von geistiger Leistung, Technikeinsatz und ökonomischer Effizienz. Vom Comic bis zum E-Book, von Marketing bis Urheberrecht umfasst der Bachelor-Studiengang Buchwissenschjaften deshalb alle Themen, die man für den Berufseinstieg in die Buch- und Verlagsbranche braucht.
 

Sechs Semester dauert der Studiengang in der Regel. Im kommenden Wintersemester erwartet Prof. Ursula Rautenberg wieder 120 Erstsemestler. Der lokale Numerus Clausus lag in den vergangenen Jahren bei 2,5. Eines müssen die Bewerber allerdings nicht zwingend mitbringen: ein besonderes Interesse für Literatur.
 

Laut Prof. Rautenberg sollten sie dagegen unbedingt ein paar andere Eigenschaften erfüllen: „Die Buchwissenschaft bietet ein sehr weites Spektrum. Man sollte sich also nicht nur für das Medium Buch interessieren, sondern auch für neue Medien, die seit einigen Jahren im E-Commerce und bei den E-Books eine wichtige Rolle spielen. Man sollte aber auch ein Verständnis für wirtschaftliche, rechtliche und soziale Prozesse haben.“
 

Angst vor Zahlen und Paragraphen ist also tunlichst zu vermeiden. Los geht es im 1. Semester mit Einführungskursen in die Grundlagen und Methoden des Fachs. Wie haben sich Leser und Lesen im Laufe der Jahrhunderte verändert? Wie sieht der moderne Buchmarkt aus? Welche Rolle spielt dabei die Typographie?
 

Besonders wichtig ist es den Fachvertretern, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern es auch in die größeren Zusammenhänge aus der Praxis einzubinden. Das soll im 3. und 4. Semester passieren: Wie muss ein Buch kalkuliert werden, damit es wirtschaftlich ist? An welche rechtlichen Rahmenbedingungen muss es sich dabei halten? Und wie lässt es sich danach gut verkaufen?
 

Ein Buch entsteht noch lange nicht nur deshalb, weil sich ein kluger Kopf einen Text ausgedacht hat. Jede Menge Geld steckt in und hinter einem Buch, bis man es endlich in Händen halten kann. Wie man sich auf dem Buchmarkt behaupten kann, erklärt Kerstin Emrich. Mit 28 Jahren ist sie die jüngste Professorin Bayerns. Foto: Petra SchlierfIm letzten Studienabschnitt können sich die Studenten dann in den Bereichen Buch- und Buchhandelsgeschichte, Buchwirtschaft und E-Publishing/E-Commerce weiter spezialisieren. Eines der obersten Ziele des Studiengangs ist es, möglichst nah an der Realität des Marktes entlang zu lehren, wie Prof. Rautenberg betont: „Unsere Studenten lernen hier zwar nicht, wie sie eine Druckmaschine bedienen, aber sie lernen den Stellenwert jedes Arbeitsschrittes genau kennen und wissen, welche Potenziale dahinter stecken.“
 

 

Praxiswind weht auch durch verschiedene Projekte in die Hörsäle: Zum einen muss jeder Student im Laufe der drei Jahre mindestens ein Praktikum absolvieren. Daneben gibt es fast immer Kursprojekte, in denen Bücher konzipiert und realisiert werden. Und die stehen dann später auch ganz real in der Buchhandlung.
 

Die Absolventen der Erlanger Buchwissenschaft sind also bestens vorbereitet aufs „echte Leben“. Das Fach gibt es in Deutschland außer in Erlangen nur noch an der Gutenberg-Uni Mainz und der TU München. Anfang des Jahres hat das bayerische Wissenschaftsministerium die Erlanger Buchwissenschaft auf die Liste der Fächer gesetzt, die stark ausgebaut werden sollen.
 

Den jetzigen Studenten soll es recht sein. Sie blicken positiv in ihr baldiges Berufsleben. Markus Westhauser (25) ist fast fertig mit dem Studium. Zur Buchwissenschaft kam er durch Konfrontation mit der Praxis: „Ich habe erst Germanistik studiert. Als ich dann aber ein Praktikum in einer Buchhandlung gemacht habe, musste ich feststellen, dass es ums Buch rum noch viel spannendere Dinge gibt, als das mehr oder weniger Schöngeistige, was drin steht. Also hab’ ich gewechselt.“
 

Eher durch Zufall stieß Frederieke Harms (23) auf die Buchwissenschaft: „Ich wollte etwas studieren, das zwar geisteswissenschaftlich ist, aber auch Wirtschaftsanteile hat. In der Buchwissenschaft habe ich das bekommen. Mit unserem Wissen kann man auch in anderen Branchen ins Marketing oder in den Vertrieb gehen.“
 

Die meisten Absolventen bleiben dem Medium Buch aber treu. Für alle, die nach einem Bachelor – auch in einem anderen medienbezogenen Fach – immer noch neugierig sind, gibt es ab dem kommenden Wintersemester erstmals einen Master-Studiengang in Erlangen. Schwerpunkt dabei ist der internationale Buchmarkt.

PETRA SCHLIERF
 

www.buchwiss.uni-erlangen.de 

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