Lehrer und Eltern ins Rettungsboot PDF Drucken

Foto: Timo SchicklerAngst und Psycho-Druck: Q11-Schüler wollen nicht länger alleine kämpfen

Zu viele Stunden, zu wenig Schlaf, zu wenig Zeit: Der straffe G8-Stundenplan hinterlässt deutliche Spuren — auch bei den Jugendlichen im Q 11. Die Schüler der ersten „Qualifikationsstufe 11“ (Oberstufe im G8) klagen zunehmend über die hohen Anforderungen. Sie protestieren, streiken, besetzen Schulräume. Die Q11-Schüler am Nürnberger Johannes-Scharrer-Gymnasium haben sich für einen besonneneren Weg entschieden.[

Mit welchen Problemen sind Eltern und Lehrer in der neuen Oberstufe konfrontiert? Welche Lösungsansätze sehen sie? Und wie können sie ihre Kinder und Schüler selbst unterstützen? Drei Fragen haben die Schüler am Johannes-Scharrer-Gymnasium zusammengetragen - und gestellt.
 

Zu einem selbst organisierten Infoabend haben die Jahrgangsstufensprecher Sabrina Banzhaf (17), Katrin Möller (16), Jonathan Mörgelin (17) und Felix Kruse (15) sowie alle ihre Mitschüler Eltern und Lehrer zusammengetrommelt. Alle sollen die drei Fragen beantworten.
 

Viele Eltern geben ihren ausgefüllten Zettel ab. „Mut zur Lücke“ erwarten sie von ihren Kindern, aber auch einen „sinnvolleren Lehrplan“. Sie selbst wollen versuchen, ihre Kinder zu motivieren. Die Auswertung der Fragebögen nach dem Infoabend zeigt aber auch, dass Erzieher und Lehrkräfte überfragt sind, wie der Schüleralltag im Q11 anders, besser werden kann. Einhellige Meinung: Sie alle können nur kleine Hilfen leisten. Die Situation wirklich ändern könne nur das Kultusministerium.

Die Q11-ler vom Scharrer-Gymnasium haben sich bewusst für diesen „sanften“ Weg entschieden, um auf ihre Sorgen aufmerksam zu machen. „Wir wollten keinen Protest, sondern gemeinsam mit unseren Lehrern und Eltern nach Lösungen suchen. Die Lehrer sind ja nicht die Schuldigen, sie geben sich Mühe“, weiß Sabrina. Ihr Informationsabend sei kein Angriff, sondern ein Appell.
 

Sieben Punkte haben die Schüler für ihren „Appell“ zusammengetragen. Einzeln oder zu zweit gehen sie auf die Bühne, im Hintergrund unterstützt von einer Powerpoint-Präsentation. Manchmal wird ein Auftritt dann doch recht dramatisch, wenn die Jugendlichen ihre Probleme schildern: Leistungsdruck, psychischer Druck, mangelnde Freizeit. Hier und da entsteht der Eindruck, dass die Schüler knapp am Manager-Burnout vorbeischrammen.
 

Trotzdem stimmen die Darstellungen nachdenklich. Zum Beispiel wenn Andrea Tischler ihre „neuen Lerntechniken“ vorträgt: „Wir lernen im Unterricht, da haben wir wenigstens Zeit. Oder wir lassen uns befreien und lernen. Oder wir lernen die Nacht durch statt zu schlafen.“ Das muss Andrea im Unterricht nachholen. „Ach geht nicht, da wollte ich ja lernen.“

Auch Kelsy McKinley und Maira Nolte stellen sich vor Mitschüler, Lehrkräfte, Eltern, und erzählen vom Druck. „Es geht nicht nur darum, was in der Schule passiert. Ich leide unter Stimmungsschwankungen. Einmal stand ich vor dem Spiegel und musste einfach anfangen zu heulen.“ Alle Redner - und die, die an diesem Abend nicht nach vorne treten – haben eins gemeinsam: Sie haben Angst, in der Schule zu versagen.
 

Dafür gibt es keinen Grund, meint Schulleiter Heinz Hock. „Dieser Jahrgang ist im Durchschnitt sogar einen Punkt besser als die letzte G9-Klasse.“ Die Schüler wehren ab: „Das liegt nur an einer anderen Notenwertung.“ Sie haben das Gefühl, sich verschlechtert zu haben. Hock will helfen: „Wir müssen uns im Lehrerkollegium besser absprechen. Fünf Exen an einem Tag gehen nicht.“
 

Es sind diese kleinen Hilfen, die Sabrina, Katrin, Jonathan, Felix und Co durch die Versammlung erreichen wollten. Obwohl sie selbst davon wohl kaum noch profitieren werden. „Aber so geht es nicht weiter“, sagt Sabrina, „und wir wollen eine Besserung für die Klassen, die nach uns kommen.“
 

TIMO SCHICKLER
 

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