Mathe morgens um 5 PDF Drucken

altDas ist der Beweis: Am G8 lernt man Tag und Nacht

Was machen 33 Elftklässler mitten in der Nacht im Gymnasium Stein? Klar, sie protestieren! Schließlich sind sie der erste G8-Jahrgang und haben so viel Stoff zu bewältigen, dass sie oft die ganze Nacht lernen. Das haben sie nun wörtlich genommen und in der Nacht auf Freitag einen Unterrichtsmarathon eingelegt – verbunden mit einigen Änderungswünschen für das G8.

 

 

Von 20 Uhr abends bis 6 Uhr morgens dauert die Extraschicht der Elftklässler. Ihr Stundenplan liest sich wie der eines normalen Schultags: erst Geschichte, dann Deutsch und Sozialkunde, später Erdkunde und Mathe. Nur im Klassenraum Nr. 11 geht es bunter zu als sonst. Schlafsäcke, Isomatten und große Kissen liegen herum. An den Wänden hängen Plakate. „Nicht für das Leben, sondern für die Schule leben wir?!“ ist auf einem zu lesen.

altAuf der Bank vor Michael Kobras blubbert eine violette Kaffeemaschine – er kocht jede Menge braunen Muntermacher. Und sein Mitprotestant Michael Postl ist gleich im blau-gestreiften Pyjama erschienen.

Auch die Lehrer haben ihren Unterrichtsstoff auf die Protestaktion abgestimmt. In Geschichte geht es um berühmte historische Attentate, in Geografie steht Massentierhaltung auf dem Stundenplan. Und der Sozialkundelehrer Bernd Landgraf hat beschlossen, eine Vorlesung über das deutsche Bildungssystem zu halten. Er kündigt an: „Ich werde euch jetzt einen relativ monotonen Vortrag halten und ihr müsst das Wichtigste mitnotieren. So könnt ihr euch schon mal auf die Uni vorbereiten.“

Die Uni – das ist für viele nach dem Abi 2011 das große Ziel. Aber bis dahin ist es ein steiniger Weg. 40 Schüler der Q11 haben alle fünf Tage in der Woche Nachmittagsunterricht, zum Teil bis halb 6. „Im Winter kommen wir im Dunkeln in die Schule und gehen im Dunkeln wieder heim – da können wir auch gleich zum Schlafen hierbleiben“, sagt Jahrgangssprecher Robin Willardt. So entstand die Idee zum ungewöhnlichen Bildungsstreik.

Auch Melanie Leisgang sitzt zwei Mal pro Woche bis zur elften Stunde in der Schule. Bis sie zuhause in Weinzierlein angekommen ist und gegessen hat, ist es 20 Uhr. Dann beginnt das Lernen und die Hausaufgaben. „Ich lebe strikt nach meinem Timeplaner; für Hobbys ist keine Zeit mehr“, sagt Melanie. So wie altsie haben viele Schüler Vereinssport oder Ehrenamt aufgegeben, um das G8 zu bewältigen.

Auch der psychische Druck auf die Elftklässler ist groß. „In den Klausurzeiten merkt man, wie alle aggressiver werden, weil keine Zeit zum Entspannen bleibt“, erzählt Laura Leykam.

Ein weiteres Problem ist laut Melanie die Fülle an Stoff, die für die G8ler auf dem Lehrplan steht. „In Physik haben wir jetzt, am Schuljahresende, ein paar grundlegende Dinge noch gar nicht behandelt – aber ich muss darin schriftliches Abi machen.“ Deshalb wollte Melanie die Protestnacht tatsächlich zum Lernen nutzen. Für den altMatheunterricht – die letzte Stunde, morgens von 5 bis 6 Uhr – hat sie sich Stochastik gewünscht. „Die Wiederholung kann ich fürs Abi gut brauchen“, meint Melanie.

Den Matheunterricht hält übrigens Direktor Herbert Schreiber höchstpersönlich. Er hat selbst eine Tochter in der Q11 und unterstützt die Aktion. Für eine Kundgebung, an der alle Schüler des Gymnasiums teilnehmen können, hat er am Freitag die zweite Schulstunde zur Verfügung gestellt.

Dank einer Dusche wirken die 33 Nachtschwärmer zu dieser Zeit schon wieder relativ frisch. Nur drei von ihnen sind während des Unterrichts mal eingeschlafen, der Rest hat durchgehalten. „Auch wenn ich zum Schluss keinen Kaffee mehr sehen konnte“, sagt Nina Wohlrab.

In den frühen Morgenstunden, als die Müdigkeit besonders akut war, mussten die Schüler sogar besonders hart ran. Geschichtslehrer Wolfgang Schuck, der die ganze Aktion mit organisiert hat, ließ die Schüler eine „Extemporale noctis“ schreiben. Das Thema: die Punischen Kriege. Zum Glück wird der Test nicht bewertet. Denn die Antworten waren morgens um halb 3 genauso originell wie die Protestnacht an sich.

ANNIKA PEISSKER

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