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Infektions-Ambulanz der Erlanger Uni-Klinik warnt vor sorglosem Sex-Verhalten
„Trotz verbesserter Behandlungsmöglichkeiten der HIV-Infektion – von Entwarnung kann keine Rede sein“, sagt Prof. Thomas Harrer, Leiter der Infektionsambulanz der Medizinischen Klinik 3 am Universitätsklinikum in Erlangen. Wir sprachen mit ihm anlässlich des Welt-Aids-Tages am 1. Dezember.
Herr Prof. Harrer, keine Entwarnung, das bedeutet, es gibt auch heute noch immer neue HIV-Infektionen.
Harrer: Ja, nachdem die Zahl der Neuinfektionen zu Beginn des Jahrtausends noch stetig gestiegen ist, hat sie sich dank der intensivierten Vorbeugung in Deutschland stabilisiert Allerdings auf hohem Niveau: Pro Jahr werden etwa 3000 Menschen neu als HIV-1 infiziert diagnostiziert.
Welches sind die Haupt-Risikogruppen?
Harrer: Nur ein kleiner Teil von acht Prozent hat sich über intravenösen Drogengebrauch infiziert. Betroffen sind weiterhin vor allem homosexuelle Männer mit einem Anteil von 72 Prozent. Jedoch sind auch 20 Prozent Heterosexuelle mit dem HI-Virus infiziert. Das bedeutet: Auch eine monogame Beziehung schützt nicht vor HIV – wenn der Partner nicht treu ist oder durch frühere Beziehungen bereits infiziert ist.
Wie groß ist heutzutage die Überlebenschance mit einer HIV-Infektion?
Harrer: Aktuell leben etwa 67000 HIV-infizierte Menschen in Deutschland. Aufgrund der verbesserten Behandlungsmethoden geht die Zahl der am Vollbild Aids erkrankten Patienten erfreulicherweise deutlich zurück. Die meisten Patienten haben dank einer Virus-hemmenden Therapie durch einen Spezialisten eine gute Lebenserwartung. Dennoch starben in diesem Jahr in Deutschland noch 550 Menschen an der HIV-Infektion.
Wenn es inzwischen wirksame Medikamente gibt, warum gibt es dann immer noch Todesfälle?
Harrer: Ein großes Problem ist, dass immer noch viele Menschen erst diagnostiziert werden, wenn bereits schwere Infektionen und Tumore auftreten, die nicht immer erfolgreich behandelt werden können. Bei früherer Diagnose könnten viele Todesfälle verhindert werden. Gerade bei Patienten, die nicht zu klassischen Risikogruppen gehören, denken auch bei Vorliegen von deutlichen Symptomen manche Ärzte kaum an eine HIV-Infektion. So werden zum Beispiel HIV-assoziierte Durchfälle immer wieder als chronisch-entzündliche Darmerkrankungen falsch diagnostiziert und mit immunhemmenden Medikamenten behandelt – was fatale Folgen haben kann. Umso wichtiger ist es, dass HIV-infizierte Menschen früher diagnostiziert werden, denn das frühzeitige Wissen um die eigene Infektion ist der beste Garant für ein gutes Überleben mit dem Virus.
Seit Jahren wird an einem Impfstoff gegen Aids geforscht. Wie weit sind diese Arbeiten?
Harrer: Die Entwicklung von HIV-Impfstoffen wird durch die Raffinesse der sich schnell verändernden HI-Viren massiv erschwert. Ein Lichtblick war nun eine in Thailand durchgeführte Studie, die im Oktober veröffentlicht wurde. Eine Kombination aus zwei Impfstoffen konnte das Risiko für eine HIV-Infektion um 30 Prozent senken. Diese Studie lässt uns hoffen, dass doch ein wirksamer Impfstoff entwickelt werden kann.
Auch in Ihrer Arbeitsgruppe wird intensiv an der Entwicklung von HIV-Impfstoffen gearbeitet.
Harrer: Wir verfolgen dabei einen speziellen Ansatz. Wir versuchen, von solchen Menschen zu lernen, die sicher Kontakt mit HIV hatten und dennoch nicht infiziert wurden. Mit finanzieller Unterstützung der Hektor-Stiftung und der Deutschen Forschungsgemeinschaft untersuchen wir das Immunsystem dieser HIV-exponierten, aber nicht-infizierten Leute. Unser Ziel ist es, die erfolgreichen Schutzmechanismen dieser Menschen besser zu verstehen. Darüber hinaus entwickeln wir in Kooperation mit verschiedenen Firmen neue Impfstoffe zur Therapie der HIV-Infektion und testen sie in klinischen Studien.
Was denken Sie, wie ist die Perspektive bei der Ausbreitung der HIV-Infektionen?
Harrer: Ein Aspekt, den wir bei der täglichen Arbeit in der Klinik sehen, ist recht beunruhigend. Die großen Fortschritte bei der Behandlung der HIV-Infektion lassen viele Menschen in ihrem Sexualleben wieder sorgloser werden, weil die Angst vor den Folgen einer HIV-Infektion abnimmt. Das zeigt sich hier in der Region nicht nur in einer Zunahme von frischer HIV-Infektionen, sondern auch in der steigenden Zahl von Fällen mit Syphilis und sexuell erworbener Hepatitis C. Daher muss die Prävention mit kontinuierlicher Aufklärung der Bevölkerung über sexuelle Gesundheit auch in Zukunft intensiviert werden.
Interview: hlo
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