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Wem der Stress im Studium über dem Kopf wächst, sucht gerne mal Trost bei einem mehr oder minder guten Tropfen und/oder ein paar nervenberuhigenden Räucherstäbchen.Foto: colourboxAlkohol, Pillen, Computer: Experten beobachten Missbrauch im Studium

Weihnachten, Silvester – das sind so Tage, an denen man gerne mal einen (oder mehr) über den Durst trinkt. Zum Beispiel, weil die Gruppe gerade so lustig drauf ist – oder weil man den Frust, ganz alleine zu sein, irgendwie runterspülen möchte. Statt Alk kann es natürlich auch ein Nikotinstäbchen oder ein Joint sein. An Festtagen mag das o.k. sein. Aber Experten warnen: Zu viele Studis sind Suchtis.


Die Hälfte der Studierenden raucht, jeder 3. trinkt zu viel Alkohol, 28 Prozent nehmen illegale Drogen. Einstige Studierende mögen sich jetzt wundern, dass sich Experten angesichts dieser aktuellen Zahlen Sorgen machen. Denn früher war in manchen Vorlesungen vor lauter blauem Zigarettendunst der Professor vorne am Pult kaum noch zu erkennen.

Heutzutage ist das Rauchen an den Hochschulen verboten und es wird diskutiert, ob auch der Alkohol vom Campus verbannt werden soll. Darum ging es unter anderem auf einer Tagung des Arbeitskreises Gesundheitsfördernde Hochschulen vor kurzem in Braunschweig.
Zwei aufeinander folgenden Befragungen an der TU Braunschweig zufolge wächst die Zahl derjenigen, deren Alkoholkonsum als riskant beziehungsweise als gefährlich bewertet wird. Lag der Anteil bei der ersten Befragung noch bei 12,2 Prozent, so stieg er auf 19 Prozent beim 2. Mal. Dabei sind Männer doppelt so stark gefährdet wie Frauen.

Ein interessantes Detail am Rande: Befragte aus Bachelor-Studiengängen sind prozentual wesentlich stärker in dieser Gruppe von Gefährdeten vertreten als Leute aus Diplom-Studiengängen. Zum sogenannten Binge-Drinking, also zu mehr als fünf Gläsern Alkohol täglich an mindestens fünf Tagen im Monat, bekennen sich 16,9 Prozent der Befragten im Diplom-Hauptstudium, aber 35,7 Prozent der Bachelor-Studierenden.

„Alkohol ist bei den meisten nur ein vorübergehendes Problem. Es ist aber offensichtlich, dass der wachsende Studiendruck in den Bachelor-Studiengängen gesundheitliche Auswirkungen hat und Süchte begünstigt. Da hilft kein Alkoholverbot, wir brauchen veränderte Studienbedingungen”, sagt Wolfgang Schulz, Professor für Psychologie an der TU Braunschweig.

In dieser Auffassung waren sich fast alle Experten auf der Tagung einig. Laut Astrid Schäfer vom Deutschen Studentenwerk (DSW) wird in den Mensen und Cafés schon heute immer seltener Alkohol angeboten - nicht nur aus Präventionsgründen, sondern weil in den letzten Jahren der Verkauf zurückgeht.

Gesundheitsberater Walter Farke verwies dagegen darauf, dass in anderen Ländern wie Schweden und Polen ein generelles Alkoholverbot an den Hochschulen gelte. In einer Befragung unter 3300 Studierenden in Nordrhein-Westfalen plädierten 70 Prozent der Frauen und die Hälfte der Männer für ein Verkaufsverbot von Alkohol auf dem Campus.

Mit Medikamenten die Leistung steigern – dieses Thema wird immer mehr zum Trend. Das Versprechen lautet,dass Gesunde zum Beispiel durch die Einnahme von Mitteln für ADHS-Patienten oder für Demenzpatienten ihre Wachheit, Konzentration, Stimmung und Merkfähigkeit steigern können. Nach Studien in den USA werden solche Präparate unter College-Studenten immer beliebter zur Verbesserung der akademischen Leistung. Die Zahlen der Nutzer schwanken zwischen drei und 16 Prozent. Zu den Wirkstoffen zählen dabei Methylphenidat (Ritalin), Modafinil (Vigil), Amphetamine, Antidementiva und Antidepressiva.

„Keine dieser Substanzen wirkt nachgewiesenermaßen bei Gesunden“, sagt Davinia Talbot, Assistenzärztin am Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der Uni Münster.
Dennoch seien Studierende nach der Einnahme überzeugt, dass der gewünschte Effekt erreicht worden sei. „Was spricht dagegen, wenn diesen Placebo-Effekt ausnutzen will?”, fragt Talbot und lehnt vorschnelle Verurteilungen ab. Zugleich bezeichnet sie die Einnahme unter anderem wegen der fehlenden Kenntnisse über Nebenwirkungen bei Gesunden derzeit als „unvernünftiges Experiment mit fragwürdig zu beschaffender Substanzen“.

Peter Schott, Leiter der psychosozialen Studienberatung der Uni Münster, sieht für die vielen positiven Berichten über diese Stimulanzien nur einen Hintergrund: „Wer hat ein Interesse das zu hypen? Die Pharmaindustrie!“
Außer um Alkohol und Tabletten ging es bei der Sucht-Tagung auch um pathologische Computernutzung. Experten schätzen, dass vier bis fünf Prozent aller Menschen nicht mehr vom Computer loskommen. Das wären bei zwei Millionen Studierenden in Deutschland knapp 100000 Betroffene – davon 90 Prozent Männer.

In erster Linie üben Computerspiele einen unwiderstehlichen Reiz aus. Der Diplom-Psychologe Wilfried Schumann, seit mehr als zehn Jahren Leiter der Psychosozialen Beratungsstelle des Studentenwerks Oldenburg, sieht einen Zusammenhang zum Uni-Alltag:
„Insgesamt fällt es vielen Studierenden immer schwerer, sich für ihr Studium in ein Thema tief einzuarbeiten, selbstständig zu recherchieren, viel zu lesen. Der Aufwand ist sehr groß, die Belohnung lässt auf sich warten. Im Computerspiel hat man dagegen sehr schnell Erfolgserlebnisse. In Spielen wie World of Warcraft erfüllt man in einem virtuellen Team eine Aufgabe, man wird wichtig und erhält Anerkennung durch die Mitspieler.“

Abstinenz sei nicht das Ziel einer Beratung, sagt Schumann. Jeder Studierende sei schließlich auf den Computer angewiesen. Meistens könnten schon in wenigen Gesprächen Ansätze gefunden werden, die Probleme in den Griff zu bekommen.
Indem man zusammen überlege, wie im realen Leben die Dinge erreicht werden könnten, die der Student im Computerspiel sucht. „Wer in eine psychosoziale Beratung kommt“, sagt Schumann, „der hat schon der ersten wichtigen Schritt gemacht. Sorge bereiten mir diejenigen, die gar nicht den Weg dorthin schaffen”.

JOACHIM GÖRES
 

 

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